Coabhängigkeit - keine Einbahnstrasse

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Coabhängigkeit - keine Einbahnstrasse

Christa Becker | Freitag, den 27. Juni 2008

CoabhängigkeitDie Dunkelziffer ist hoch, deshalb gibt es keine genaue Statistik. Aber Experten schätzen, dass allein in Deutschland 4 Millionen Menschen leben, die alkoholkrank sind. Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Denn zuviel Alkohol über längere Zeit zerstört allmählich den Körper mit schrecklichen Folgen: Leber, Bauchspeicheldrüse und Gehirn werden auf Dauer geschädigt, das Risiko für einen Herzinfarkt oder bestimmte Krebserkrankungen steigt rapide. Fast noch schlimmer als die körperlichen Schäden sind die psychischen und sozialen Folgen der Sucht. Viele Alkoholkranke sind so in ihrer Sucht gefangen, dass sie auch ihre seelische Gesundheit, ihr Familienleben und ihr Berufsleben aufs Spiel setzen.

Und hinter den meisten Alkoholikern steht eine Familie, die mindestens ebenso unter der Sucht leidet wie der oder die Abhängige selbst: Männer, Frauen und vor allem Kinder. Ein Süchtiger ist nicht mehr in der Lage, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, geschweige denn für andere. Zudem werden viele im Rausch aggressiv oder sogar gewalttätig, für die Familie eine ernste Bedrohung. Und auf Dauer unerträglich.

Aber warum gibt es vor allem so viele Frauen, die bei ihren alkoholkranken Männern bleiben, sich demütigen und sogar schlagen lassen, und trotzdem bemühen, nach aussen „heile Welt“ vorzuspielen? Genau hier beginnt die Coabhängigkeit, mit Aussagen wie: „Aber er braucht und liebt mich doch“, „Das kriegen wir schon wieder in Griff“, „Ich kann ihn doch nicht ausgerechnet jetzt im Stich lassen“. Ein fataler Kreislauf. Wenn ein Süchtiger sich nicht helfen lassen will, hat der Partner mit aller Mühe und Anstrengung und Liebe keine Chance. Ein anderes Problem kommt meistens noch dazu: Viele Frauen trauen sich ein eigenständiges Leben ohne ihren Mann nicht zu und merken gar nicht mehr, dass sie schon längst die Verantwortung für die ganze Familie übernommen haben und ohne ihn besser leben könnten. Der Begriff „Helfer-Syndrom“ wurde dafür geprägt, wenn man der festen Überzeugung ist, dass das eigene Leben nur dann etwas wert ist, wenn man von anderen geliebt und gebraucht wird.

Die Autorin Viktoria Tapp kennt das alles aus eigener Erfahrung. Sie hat ein Buch über ihren Weg mit einem alkoholkranken Partner und ihren mühevollen Weg der Befreiung aus der Coabhängigkeit geschrieben. Zudem gestaltet sie eine sehr ehrliche Webseite mit viel Wissen und Hintergrundinformationen, auch mit Tipps, wo man Hilfe bekommen kann. Der erste Schritt aus der Beziehung, die meistens schon lange keine Partnerschaft mehr ist, beginnt für die Coabhängigen mit der Überzeugung: „Jetzt reicht es, so will ich nicht mehr weiterleben. Alleine bin ich besser dran“. Und dann sollte man sich Unterstützung holen, denn das Ablösen aus einer solchen Beziehung ist schwer. Und nur mit einer Trennung ist es noch nicht getan, denn dann beginnt erst der eigene Entwicklungsprozess und die Aufarbeitung, warum man überhaupt in so eine Situation geraten konnte. Das ist mit Ängsten, Trauer und Schmerz verbunden. Aber man tut es für sich, sagt Viktoria Tapp. Ihr Buch ist deshalb so empfehlenswert, weil sie eben keine Psychologin ist, sondern ihre eigene Entwicklung und Verstrickung aufzeigt und Mut macht. Niemand muss sich schämen oder schuldig fühlen, der mit einem Alkoholkranken zusammenlebt, sagt sie. Aber keiner muss in dieser Situation bleiben bis zum bitteren Ende. Einen süchtigen Partner kann man meistens nicht „retten“, aber sich selbst und auch die Kinder.

Buch zum Thema:
Zusammen besiegen wir den Alkohol

Link zum Thema:

-http://www.viktoriatapp.de/


Christa Becker | Freitag, den 27. Juni 2008

Veröffentlicht in Soziales

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