Vital heute


Pestalozzi - einer der ersten Pädagogen
Christa Becker | Freitag, den 16. Mai 2008

PestalozziJohann Heinrich Pestalozzi erlebte, was wir heute salopp „eine schwere Kindheit“ nennen: Als er 5 Jahre alt war, starb sein Vater und liess die Mutter und 2 Geschwister in armen Verhältnissen zurück. Ob Pestalozzi trotzdem oder gerade deswegen ein Mensch geworden ist, dem Erziehung und Bildung besonders wichtig waren, wissen wir nicht. Am 12.01.1746 in Zürich geboren, verbrachte er die Kindheits- und Jugendjahre in der Stadt an der Limmat. Als echtes Kind seiner Zeit begeisterten sich er und seine Mitschüler für die Idee der Aufklärung, deren Ziel eine Reform der politischen und sozialen Verhältnisse war. Sein Held war Jean-Jacques Rousseau. Da diese Ideen auch in der Schweiz damals nicht gefragt waren, musste Pestalozzi seine Hochschulausbildung vorzeitig beenden.

Dass er dann nicht Theologe wie der Grossvater wurde, sondern sich der Landwirtschaft widmete, wird seinem grossen Interesse für die Zürcher Kaufmannstochter Anna Schulthess zugeschrieben. Nach seiner Ausbildung erwarb er Ländereien in der Nähe von Brugg, natürlich mit Aufnahme von hohen Krediten, und heiratete seine grosse Liebe. Im Jahr 1770, ein Jahr nach der Hochzeit, kam der einzige Sohn des Paares zur Welt. Während Pestalozzi als Mensch sehr glücklich war, hatte er als Unternehmer schwere Zeiten. Nach mehreren Missernten stand er finanziell kurz vor dem Aus. Als letztes wollte er einen Versuch mit der Bearbeitung von Baumwolle wagen. Die Arbeiter waren – wie damals üblich – Kinder. Für arme Kinder gab es damals wenig Möglichkeiten um zu überleben: Stehlen oder Arbeiten hiessen die Alternativen. Pestalozzis Mitgefühl mit ihnen war gross und echt. 1771 gründete er seinen Neuhof, wo er die Kinder nicht nur arbeiten liess, damit sie überleben konnten, sondern ihnen auch ein gewisses Mass an Bildung zukommen liess. 1780 war Pestalozzi jedoch finanziell am Ende, der Hof musste aufgelöst werden.

Unbeirrt setzte er sich kritisch mit dem damaligen Schulsystem und Fragen der Erziehung auseinander, schrieb mehrere Bücher, die veröffentlicht und allmählich europaweit beachtet wurden. Insbesondere in Frankreich, das sich am Vorabend der Revolution befand, wurde Pestalozzi hoch geschätzt. 1798 machte er einen neuen Anfang in Stans, wo ihm die Leitung eines Armenhauses angeboten worden war. Auch hier versuchte er, gerade den Armen eine schulische Grundausbildung zu geben. Auch hier scheiterte Pestalozzi. Aufgeben kam aber offenbar für ihn nicht in Frage. Noch an vielen Orten versuchte er, nach seiner Überzeugung zu leben und zu arbeiten. Jeder Mensch hat ein Recht auf Bildung, war sein Grundsatz. Im Auftrag der Zentralregierung baute er in Burgdorf ein Schule für Lehrer auf, wo er seine Methodik weitergeben wollte. Auch dies misslang.

Nach dem Tod seiner geliebten Anna 1815 kehrte er auf den Neuhof zurück. Noch ein weiteres Buch gelang ihm, die „Lebensschicksale“. Am 17. Februar 1827 ist er gestorben, sein Grabstein trägt die Aufschrift: „Alles für andere, für sich nichts.“ Die Stadt Brugg hat ihrem berühmten Mitbürger einen Gedenkstein gewidmet, der an seiner letzten Wohnstätte an ihn erinnert. Weltweit wird Pestalozzi inzwischen als einer der Väter der Pädagogik (siehe Artikel Maria Montessori – eine Frau bewegt die Pädagogik“) anerkannt, viele Schulen, Kinderheime und Strassen tragen noch immer seinen Namen. Es hätte ihm gefallen. Und noch heute kennt jeder in der Schweiz den Spruch: „Ja, und Pestalozzi ist gestorben“, womit man unmissverständlich ausdrücken will, dass Mitleid, Mitgefühl oder gar Hilfe nicht zu erwarten sind. Ein schönes Kompliment für einen Menschen, der nie Reichtümer sein eigen nannte und sich trotz aller Misserfolge immer engagiert für die noch Ärmeren eingesetzt hat.

Bücher zum Thema:
Pestalozzis Welt. Eine Einladung zur Erziehung
Johann Heinrich Pestalozzi. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten