Verena Kast - Vom Sinn der Angst
Christa Becker | Freitag, den 25. Mai 2007
Angst ist ein Gefühl, das uns allen vertraut ist. Wir empfinden es als störend, blockierend und negativ. Verena Kast, die bekannte Psychotherapeutin und Dozentin, erzählt in ihrem Buch vom „Sinn“ der Angst. Das erscheint zunächst widersinnig, aber die Autorin geht dieser Emotion und ihrer Bedeutung für unser Leben mit so viel Behutsamkeit auf den Grund, wie man das aus ihren anderen Büchern kennt.
Die Auslöser der Angst sind so verschieden wie die Menschen selbst: es gibt die Angst vor einem Gesichtsverlust oder Misserfolg, aber auch die Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen oder dem eigenen Tod. Das Erleben der Angst ist immer verbunden mit einer erwarteten oder tatsächlichen Gefahr. So teilen wir die Angst vor einem Feuer oder Erdbeben mit allen anderen Menschen. Wenn wir aber Angst vor einem Kaninchen haben, wird diese Angst zwar von uns sehr konkret erleben, in unserem Umfeld werden wir dafür aber kein Verständnis finden.
So unterschiedlich wie die Auslöser der Angst ist auch unsere Reaktion darauf. Das Gefühl des Bedrohtseins drückt sich immer über den Körper aus. Wir werden blass oder beginnen zu zittern, bekommen keine Luft mehr oder bringen kein Wort mehr heraus. Wir verlieren nicht nur unser Selbstvertrauen, sondern auch unsere Entscheidungsfreiheit. Angst ist somit kein Gefühl, das wir übergehen können. Es verlangt nach einer Reaktion, nach Bewältigung. Hat ein Mensch eine extreme Gefährdung wie Folter oder Krieg überlebt, sagt er oft von sich: Ich habe keine Angst mehr. Solche Menschen distanzieren sich von ihrer Angst, oft auch von allen anderen Gefühlen. Eine andere Strategie ist die Entwertung eines anderen Menschen, wenn wir Angst vor seiner vernichtenden Kritik haben. Oder wir greifen zu einer angstlösenden Tablette! Die Auswahl ist gross und es gibt allein im Internet einen riesigen Markt mit diesen Präparaten.
Da wir aber die Angst trotz aller Strategien und Mittel nicht vermeiden können, sollten wir nach ihrem Sinn forschen. „Was will die Angst von mir?“ formuliert es die Autorin. Unsere Angst ist weder harmlos noch übermächtig. Indem wir uns der eigenen Angst stellen, öffnen sich für uns neue Wege. Das bedeutet auch, dass wir uns anderen Menschen anvertrauen, uns öffnen und zeigen, wie es in uns aussieht. Denn nur in der Kommunikation, in der Beziehung ist erfahrbar, dass unsere Angst sich verwandeln lässt. „Mut zur Angst“, nennt Kast dieses Verhalten. Denn was wir aussprechen können, verliert schon einen Teil des Grauens, weil wir nicht alleine damit fertig werden müssen. Auch dass der Gesprächspartner die Angst entweder teilt, oder vor dem Gegenstand unserer Ängste gar keine Furcht zeigt, setzt einen Prozess in unserem Inneren in Gang.
Erstaunlicherweise liest sich das Buch sehr spannend und behandelt im Gegensatz zur eigenen Erwartung auch kein bedrückendes Thema, sondern öffnet Räume für ein neues Denken und Fühlen. Es ist im besten Sinne ein optimistisches, ein Mut machendes Buch. So wird auch der Philosoph Ernst Bloch mit dem Satz zitiert: „Die Hoffnung ersäuft die Angst.“ Das Lesen und daraus Lernen lohnt sich, denn es stimmt, was Verena Kast sagt: „Würden wir uns der Angst mehr stellen, dann bekämen wir mehr Zugang zu dem, was verändert werden muss, aber auch zu dem, was uns Halt gibt. Damit würden wir wieder echter werden, mehr mit unseren Gefühlen verbunden, damit würden auch unsere mitmenschlichen Beziehungen wieder echter und lebendiger.“
Buch zum Thema:
– Vom Sinn der Angst
Christa Becker | Freitag, den 25. Mai 2007
Veröffentlicht in Soziales
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