Frédérick Leboyer - sanfte Revolution für Mutter und Kind
Christa Becker | Montag, den 17. Juli 2006
Schwangerschaft und Geburt – das war früher ausschliesslich ein Thema der Frauen. Hilfe und Unterstützung bekamen sie von ebenfalls weiblichen Geburtshelfern. Als die Entdeckungen der Wissenschaftler im 19. Jahrhundert die Medizin auf den Kopf stellten, übernahm der Arzt die wichtigste Rolle, die Hebammen verloren an Wert und Einfluss. Die Narkose machte auch komplizierte chirurgische Eingriffe wie einen Kaiserschnitt möglich, Bakterien wurden als Krankheitserreger identifiziert und damit auch die Ursache der hohen Sterblichkeit von Müttern kurz nach der Entbindung gefunden. Eigentlich ein grosses Glück für alle Mütter und Kinder, sollte man meinen. Die Schattenseite dieser Entwicklung wurde lange übersehen.
Die Geburt fand fast ausschliesslich in der Klinik statt und wurde automatisiert, um dem Arzt seine „Arbeit“ zu erleichtern: Grelles Licht, aseptische, kalte Fliesen, laute Geräusche und praktische Lagerung der werdenden Mutter, nicht für ihre Bequemlichkeit oder nach ihrem Bedürfnis, sondern um dem Arzt eine einfache Kontrolle über den Geburtsvorgang zu ermöglichen. Lief eine Geburt nicht nach Plan, wurde schnell eine Wehen anregendes Medikament gegeben, eine Narkose eingeleitet, zur Zange oder zum Skalpell gegriffen. Nach der Geburt wurde das Baby an den Füssen gepackt und bekam mit dem Kopf nach unten hängend einen Klaps auf den Rücken. Wenn es dann voller Angst und Schmerz zu schreien begann, waren alle zufrieden: „Es lebt und atmet…“ Rasch wurde es abgenabelt, um gewaschen, untersucht, vermessen und gewogen zu werden. Erst einige Minuten später wurde der Mutter das saubere, angekleidete Baby in den Arm gelegt. Der Vater war von der ganzen Prozedur selbstverständlich ausgeschlossen.
Erst vor 30 Jahren kam die Kehrtwende: Fréderick Leboyer, am 22.06.1915 in Frankreich geboren, arbeitete lange Jahre als Frauenarzt und Geburtshelfer in einer Pariser Klinik. Sein Buch „Geburt ohne Gewalt“ erschien 1975 und löste eine Revolution aus. Leboyer versuchte, sich in das ungeborene Kind einzufühlen. Wie erlebt es den Eintritt in die Welt, unmittelbar nach der Wärme und Geborgenheit im Bauch der Mutter? Leboyer war der Meinung, dass die Bedingungen einer Krankenhausgeburt dazu beitrugen, Mutter und Kind einen Schock zu versetzen. Wie sollte der kleine Mensch sich da willkommen fühlen und wie die Mutter ein Gefühl der Liebe zum Kind entwickeln, wenn es ihr unmittelbar nach der Geburt entrissen wird?
Leboyer forderte mehr Respekt vor dem natürlichen Ereignis der Geburt und ein behutsames, einfühlsames Umgehen mit Mutter und Kind, um dem Baby einen sanfteren Anfang ausserhalb des Mutterbauches zu ermöglichen. Heute können Eltern die Geburt ihres Kindes sehr viel individueller gestalten. Die Väter gehören von Anfang an dazu. Eine Geburt im Liegen, im Sitzen, im Wasser oder zuhause ist möglich. Die Hebamme gewinnt wieder an Bedeutung und begleitet häufig alleine die Eltern während der Geburt. Der Arzt nimmt nicht mehr die wichtigste Position ein, sondern das Bedürfnis von Mutter und Kind. „Sanfte Geburt“ nennt Leboyer diesen Vorgang, womit er nicht ein Gebären ohne Schmerzen meint, sondern ein Umfeld, welches der Mutter ein tiefes Erleben von Glück ermöglicht. Studien haben klar bewiesen, dass eine Mutter, der unmittelbar nach der Geburt ihr Baby auf den Bauch oder an die Brust gelegt wurde, eine tiefe Beziehung zu ihrem Baby entwickeln kann. Ist sie durch eine Narkose betäubt oder bekommt ihr Baby nicht sofort nach der Entbindung in die Arme gelegt, wird dieser Vorgang empfindlich gestört, was drastische Folgen für Mutter und Kind haben kann.
Noch etwas haben wir Leboyer zu verdanken: Während vieler Aufenthalte in Indien lernte er einen ganz anderen Umgang mit Mutterschaft und Geburt kennen. Auch Yoga, damals im Westen noch fast unbekannt, und die traditionelle Baby-Massage gehörten dazu. 1977 erschien sein zweites Buch „Sanfte Hände“. Nach Leboyers Auffassung gehören zur Babynahrung auch die Streicheleinheiten. Nicht nur der Bauch will gefüllt werden, das Baby hat auch Hunger nach Berührungen. Es geht nicht nur um das angenehme Streicheln und Gestreicheltwerden, sondern um einen nonverbalen Dialog zwischen Mutter und Kind. Heute gehören die Bücher von Leboyer zu den Klassikern, und Kurse zum Erlernen der Massage nach indischem Vorbild werden überall angeboten und sind sehr beliebt, bei Müttern und Kindern.
Bücher zum Thema:
– Sanfte Hände. Die traditionelle Kunst der indischen Baby-Massage
– Geburt ohne Gewalt
Christa Becker | Montag, den 17. Juli 2006
Veröffentlicht in Biographien
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am 23. Mai 2008 um 23:44 Uhr.
Wir haben vor 28 Jahren einen Jungen, und vor 23 Jahren einMädchen nach Leboyers Methode zur Welt geracht, und es war jedes Mal ein wunderbares Erlebnis.Mein Baby und ich waren danach hellwach und haben uns angeschaut, nicht weggesehen, und richtig gut kennengelernt. Meine Baby`s wurden gleich nach der Geburt an die Brust gelegt und tranken das Colostrum, die sogenannte Vormilch, in der alle Abwehrkräfte, die ich in meinem Leben produziert habe beinhaltet. Ich hatte vor Monate vorbder Geburt meinen Damm mit Johanneskrautöl eingecremt, damit die Hebamme ihn ausstreichen konnte, und so mußte bei mir kein Dammschnitt gemacht werden. Dank Leboyer waren die Geburten meiner Kinder eines meiner schönsten Erlebnisse im Leben!