Was uns gesund macht
Christa Becker | Montag, den 10. Juli 2006
„Ganzheitliche Heilkunde statt seelenloser Medizin“, lautet der Untertitel des Buches. Und Rolf Verres weiss, wovon er in seinem Buch erzählt. In seiner Arbeit als Therapeut und ärztlicher Direktor eines Instituts für medizinische Psychologie spielen die Missverständnisse zwischen Ärzten und Patienten eine grosse Rolle. Immer wieder werden die individuellen Bedürfnisse von Patienten im Praxis- oder Krankenhausbetrieb nicht gesehen oder wichtig genommen. Niemand will als „die Gallensteine in Zimmer 14“ bezeichnet und behandelt werden, sondern als Ganzes. Körper und Seele bilden eine Einheit und können nicht getrennt voneinander gesehen und behandelt werden. Immer leidet die Seele mit, wenn der Körper erkrankt. Umgekehrt gilt aber auch, dass eine starke und gesunde Psyche unseren Körper beim Gesundwerden unterstützen kann. Jeder Arzt kann davon berichten: wenn ein Patient negativ oder schwermütig mit einer Krankheit umgeht oder sie kaum akzeptieren kann, hat er einen langen Weg bis zur Gesundheit vor sich.
Viele kranke Menschen gehen deshalb lieber zu einem nicht-ärztlichen Therapeuten, der ein ganz anderes Konzept verfolgt als die meisten Ärzte. Hier spielt nicht die Diagnostik, sondern das intensive Gespräch die wichtigste Rolle. Und ohne eine gute Kommunikation sei wirklich keine gute Behandlung möglich, ist auch die Überzeugung des Autors. Für ihn gibt es allerdings noch eine dritte Alternative zwischen dem „Medizin-Ingenieur“ und dem einfühlsamen nicht-ärztlichen Therapeuten, der mit wenig Diagnostik auszukommen scheint. Nach seiner Meinung ist es für jeden möglich, den Menschen zu finden, der ihn bei der Heilung unterstützt. Verres beschreibt dies in seinem Buch als das Prinzip der Resonanz. Im Einklang sein, bedeutet das Wort. Es bezieht sich nicht nur darauf, eine gute Balance zwischen Körper und Seele zu finden, sondern auch eine gelungene Begegnung zwischen Arzt/Therapeut und Patient sowie zwischen Mensch und Umwelt herzustellen.
Jede schwere Erkrankung reisst den Erkrankten aus seiner Alltagsroutine heraus. Ist der erste Schock überwunden, findet mancher einen neuen Zugang zu dem, was Lebensqualität für ihn bedeutet. Er entdeckt neue Kraftquellen in sich und findet verschiedene Arten von Unterstützung in seiner Umwelt, wo er vorher nie gesucht hatte. Und jeder Kranke erlebt seine Krankheit individuell. Verres berichtet von vielen unheilbaren Menschen, die ihrer Krankheit dankbar seien. Ihr Leben habe eine Intensität bekommen, die sie sich vorher nicht vorstellen konnten. Nach der Überzeugung des Autors gibt es Menschen, die gesund, aber nicht glücklich sind, während andere krank, aber im Einklang mit sich selbst sind.
Aber was macht einen guten Arzt oder Therapeuten aus? Verres beschreibt es mit vielen Beispielen: Wer heilen will, muss sich immer auf den einzelnen Menschen einlassen, pauschales Mitleid nutzt genauso wenig wie Grobheiten im Sinne von „Sie sind nicht der erste, der das diese Krankheit erleidet“. Wo der eine Patient Trost braucht, sucht der andere vielleicht jemanden, der mit ihm die aussergewöhnlichen Erfahrungen teilt, die er durch die Erkrankung machte. Am Beispiel der Geburt sei das besonders gut zu verstehen. Während früher die Anwesenheit des angehenden Vaters als undenkbar galt und das grosse Ereignis in einem sterilen Operationssaal stattfand, haben die Mütter von heute viele Wahlmöglichkeiten: Die Geburt zuhause oder im Wasserbecken, in der einen oder anderen Klinik, mit oder ohne medikamentöse Unterstützung, im Beisein des Mannes oder einer Freundin.
Und dieses Prinzip gilt für jede Art von Behandlung. Wer dem behandelnden Arzt auch seine Ängste vor Nebenwirkungen der Antibiotika oder der Untersuchung in der „Röhre“ mitteilt, hat gute Chancen, eine auf ihn abgestimmte Therapie oder Diagnostik zu bekommen. Die meisten Ärzte haben zwar ein sehr gutes fachliches Wissen während ihres langen Ausbildungsweges vermittelt bekommen, aber der Umgang mit Patienten wird erst in der Begegnung geübt. Und diese Begegnung ist für beide Beteiligten eine Chance zur Entwicklung: Der Patient kann lernen, seine Bedürfnisse und Emotionen zu äussern. Damit ist der Arzt nicht nur als „Medizin-Ingenieur“ gefragt, sondern auch als Mensch angesprochen mit seiner Lebenserfahrung und seiner Philosophie – ein Gewinn für alle Beteiligten.
Verres macht nachdenklich mit seinen Gedankenansätzen, aber auch Mut, die Suche nach dem „richtigen“ Arzt und Therapeuten nicht aufzugeben.
Link zum Thema:
– http://www.rolf-verres.de/
Buch zum Thema:
– Was uns gesund macht
Christa Becker | Montag, den 10. Juli 2006
Veröffentlicht in Soziales
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