FAUSTLOS - Wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen

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FAUSTLOS - Wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen

Christa Becker | Freitag, den 14. April 2006

faustlosEs ist nicht zu übersehen: die Gewalt nimmt zu. Besonders Kinder als Täter und Opfer machen uns sehr betroffen. Als uns vor Jahren die Nachricht aus den USA über das Massaker an der Columbine Highschool schockierte, konnten wir uns noch einreden: Hier wäre das nicht passiert. Diese Zeit ist vorbei. Seit dem Ereignis an einer Erfurter Schule und vielen anderen gewalttätigen Auseinandersetzungen haben wir begriffen, dass es uns betrifft, weil es überall geschehen kann. Die aktuellen Meldungen über die Gewalteskalation an einer Schule in Berlin bestätigen es: Viele Schulleiter und Lehrer fühlen sich nicht mehr in der Lage, ihre Schüler und sich selbst vor den aggressiven Übergriffen einzelner oder ganzer Gruppen zu schützen. Die Hilflosigkeit vieler Eltern und Pädagogen macht uns betroffen. Wir müssen etwas tun, um Tätern und Opfern zu helfen.

Professor Manfred Cierpka befasst sich schon seit Jahren mit psychosomatischer Kooperationsforschung und Familientherapie. Das Projekt „FAUSTLOS“ wurde von ihm am Heidelberger Präventionszentrum entwickelt und an Kindergärten, Schulen und pädagogischen Einrichtungen etabliert. Um seine Arbeit einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, hat er nun das Buch „FAUSTLOS – Wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen“ geschrieben. Die zunehmende Gewaltbereitschaft ist ein Zeichen für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, sagt Cierpka darin. Die steigende Arbeitslosigkeit und zunehmende Armut, die Beeinflussung durch die Medien, die Problematik alleinerziehender Mütter und Väter sowie die wachsende Verunsicherung der Eltern bezüglich der Werte, die sie vermitteln wollen, sind ein idealer Nährboden für aggressives oder gewaltbereites Verhalten.

Der Autor beschreibt, dass in den ersten Lebensjahren erfahrene Gewalt oder Vernachlässigung für die kindliche Entwicklung ein Risiko darstellt und häufig direkt in destruktive Aggression umgesetzt wird. Gewaltprävention müsse deshalb bereits im Kindergartenalter beginnen. Kinder brauchen feste Bezugspersonen, um sich in einer sicheren Bindung geliebt und respektiert zu fühlen. Nur so können sie ein altersgemässes Selbstwertgefühl und eine positive Grundeinstellung entwickeln. Fehlen diese Voraussetzungen, wird das Kind versuchen, sein schwaches Selbstwertgefühl auf Kosten von anderen zu stärken; es kommt zu gewalttätigen Übergriffen.

Und hier setzt das FAUSTLOS-Programm ein. Um Gewalt zu verhindern, ist eine Förderung der sozial-emotionalen Kompetenzen von entscheidender Bedeutung, sagt der Autor. Jedes Kind muss erst lernen, in einer Konfliktsituation die eigenen Gefühle und die des Gegenübers richtig zu erfassen und angemessen zu reagieren. Es könnte sich zurückziehen, eine Bitte äussern, verhandeln oder einen Tausch anbieten. Hat ein Kind im Elternhaus nicht verschiedene Lösungsmodelle kennen gelernt, kann durch das Wiederholen bestimmter Situationen mit jeweils anderer Strategie als Teil des Programms erreicht werden, dass die kindliche Persönlichkeit nachreift.

Erstes Ziel des Programms ist die Förderung der Empathiefähigkeit. Cierpka definiert Empathie als Teilhabe an der Emotion oder Intention des anderen. Kann sich ein Kind in das Denken und Fühlen seines Gegenübers hineinversetzen, hat es eine gute Ausgangsbasis zur friedlichen Konfliktlösung. Sobald es den Schmerz und die Angst eines anderen nachempfinden kann, wird es weniger zur Gewalttätigkeit neigen. Bindungen und Gruppen können entstehen, die nicht auf Macht oder Gewalt basieren.

Ein zweiter Schritt ist die Förderung der Impulskontrolle, also der Fähigkeit, zuerst verschiedene Handlungsalternativen durchzudenken, die jeweiligen Konsequenzen abzuwägen und dann erst zu reagieren. Drittes Ziel ist ein angemessener Umgang mit Ärger und Wut. Kinder müssen lernen, den Auslöser für diese heftigen Gefühle zu erkennen und nach konstruktiven Lösungen zu suchen.

Nach Meinung des Autors ist es möglich, gerade jenen Kindern eine zweite Chance zu geben, die im Elternhaus vielleicht nicht optimal gefördert werden. Die Pädagogen in Kindergarten und Schule können neben der Wissensvermittlung auch einen Teil der Erziehung übernehmen. In diesen Einrichtungen kann jedes Kind erreicht werden, ohne dass auffällige Kinder eine Sonderbehandlung bekommen müssen. Und weil hier häufig Konfliktsituationen auftreten, bieten sie einen idealen Raum für das Vermitteln und Ausprobieren anderer Lösungsmodelle.

Das Projekt „FAUSTLOS“ umfasst für den Kindergarten 28 und für die Grundschule 51 Lektionen einmal wöchentlich, die immer komplexer werden. Lehrer oder Erzieher bekommen Material zur eigenen Vorbereitung, Poster, Folien und Fotos für die theoretische Lektion mit den Kindern, Vorschläge für Rollenspiele zur Vertiefung sowie Hausaufgaben zum praktischen Einüben in konkreten Situationen. Am Heidelberger Präventionszentrum hat der Autor ausserdem Supervisionsveranstaltungen für Pädagogen etabliert, falls Probleme oder Fragen auftauchen.

Weil sich die Lektionen deutlich auf ein besseres Sozialverhalten auswirken, was sich wiederum positiv im Lernklima bemerkbar macht, wird das Projekt von den meisten Pädagogen als sehr gut beurteilt. Der zeitliche Mehraufwand für die Lektionen lohnt sich, da er bald zu einer Zeitersparnis führt, weil die Kinder auftretende Konflikte zunehmend untereinander lösen können, ohne dass der Pädagoge eingreifen müssen. Den schulischen Leistungen der Kinder kommt das ebenfalls zugute. Ein konzentrierter Unterricht wird wieder möglich, weil die Lehrer nicht mehr damit beschäftigt sind, Auseinandersetzungen zwischen den Schülern zu schlichten.

Mit Elternbriefen und Elternabend sollen auch Mütter und Väter in das Projekt einbezogen werden, Beispiele für die Lektionen und Übungen für die Interaktion in der Familie helfen dabei. Nach der Beschreibung seiner Methode wendet sich der Autor in den letzten Kapitel seines Buches direkt an die Eltern. Er schildert typische Alltagssituationen, in denen es Konflikte geben kann und zeigt auf, welche Lösungsstrategie zu welchem Ergebnis führen kann. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Eltern ihr Kind auf konstruktive Weise begleiten können, damit es zu einer selbstsicheren Persönlichkeit heranwächst.

Buch zum Thema:
FAUSTLOS – Wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen

Links zum Thema:

-http://www.faustlos.de/

-http://www.buendnis-fuer-kinder.de//

-http://www.kinderundgewalt.ch//

-http://www.rabeneltern.org/home.shtml/

-http://www.mit-kindern-wachsen.de/index.html/

-http://www.help.gv.at/Content.Node/29/Seite.290000.html/

-http://www.gewalt-in-der-schule.info//


Christa Becker | Freitag, den 14. April 2006

Veröffentlicht in Soziales

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