Vital heute


Hildegard von Bingen - Medizin aus dem Kloster
Christa Becker | Mittwoch, den 21. Dezember 2005

hildegardNur wenige Menschen aus dem Mittelalter sind uns heute noch namentlich bekannt, Hildegard von Bingen gehört dazu. Schon zu Lebzeiten erlangte die später heiliggesprochene Hildegard aus der Gegend um Bingen am Rhein grosse Berühmtheit. Als zehntes Kind einer adeligen Familie 1098 in Rheinhessen geboren, wurde sie mit 8 Jahren zur Erziehung in das Kloster auf dem Disibodenberg gegeben, wie es damals üblich war. Mit 16 Jahren trat Hildegard in den Benediktinerorden ein. Nach dem Tod der Leiterin übernahm Hildegard dieses Amt. Einige Jahre später verliess sie das Kloster, um ihr erstes eigenes Kloster zu gründen, das Haus auf dem Rupertsberg. Dort hat sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1179 gelebt und gearbeitet. Eine zweite Klostergründung folgte später in Eibingen bei Rüdesheim, dieses Haus betreute sie vom Rupertsberg aus mit häufigen Besuchen.

Schon als Kind hatte Hildegard Visionen, die sie später schriftlich festhielt. In der kirchlichen Welt war sie als Prophetin anerkannt, mehrere prophetische Bücher wurden von ihr geschrieben. Zu zahlreichen Liedern hat sie Texte und Noten verfasst, ausserdem ein Mysterienspiel. Neben ihrer Arbeit als Äbtissin fand sie noch Zeit für einen intensiven Briefwechsel mit Papst und Kaiser, Reisen und öffentliche Vorträge waren ihr ebenso wichtig. Sie muss eine sehr eindrucksvolle, umfassend gebildete und kluge Frau gewesen sein.

Immer betonte Hildegard die Einheit und Ganzheit von Mensch und Umwelt. Schon vor 1000 Jahren hat sie damit Krankheit als Ungleichgewicht, Gesundheit als Gleichgewicht der Seele definiert. In ihren Büchern „Physica“ (Naturkunde) und „Causae et Curae“ (Die Ursachen und Behandlung von Krankheiten) beschreibt sie unter anderem ihre feste Überzeugung, dass eine geordnete Lebensführung zur Gesundheit beiträgt. In intensiven Studien suchte und fand Hildegard viele Hundert Pflanzen, deren Extrakte bei den verschiedensten Erkrankungen von Nutzen waren. Wissenschaftlich erforschte und notierte sie ihre Erkenntnisse, die uns heute noch zum Teil überliefert sind. Auch ein Kapitel über Elemente, Metalle und Steine enthält das Buch.

Durch ihre Kenntnisse und Hilfsbereitschaft wurde Hildegards Kloster auf dem Rupertsberg zu einem Anziehungspunkt für kranke und hilfesuchende Menschen, besonders unter der armen Bevölkerung. In der römisch-katholischen Kirche wird Hildegard von Bingen noch heute als Heilige verehrt, am 17. September, ihrem Todestag, wurde ihr Gedenktag eingerichtet. Für unzählige Botaniker, Zoologen und Mediziner ist sie eine Mitbegründerin der Naturwissenschaften.

Aber die tiefsten Spuren hat Hildegard als Heilkundige hinterlassen. Nach vielen Jahren der reinen Symptombehandlung kehrt die heutige Medizin wieder zu dem zurück, was Hildegard vor 800 Jahren schon erkannt und formuliert hat: der Mensch ist eine Einheit aus Körper und Seele. Sicher hätte es sich die kluge Äbtissin niemals träumen lassen, dass sie heute als erste ganzheitliche Medizinerin anerkannt ist. In den letzten Jahren wurden ihre Schriften wieder intensiv gelesen und zahlreiche Bücher mit ihren Empfehlungen zur gesunden Lebensweise und Heilung von Krankheiten verfasst. Es gibt Freundeskreise, Vereine, Kurhäuser, Gesundheitsschulen und Naturkostgeschäfte, die ihren Namen tragen. Unzählige Naturprodukte von der Wickelpackung bis zum Tee, Gewürze, Dinkelteigwaren und Kräuterweine werden heute hergestellt und in Naturläden oder über Online-Shops vertrieben. Auch die Edelsteintherapie nach Hildegard von Bingen ist heute sehr gefragt. Wer sich intensiver mit dieser starken Persönlichkeit auseinandersetzen möchte, findet Bücher über alle die Themen, die Hildegard schon vor langer Zeit beschäftigt haben.

Bücher zum Thema:
Hildegard-Heilkunde von A-Z
Das Hildegard von Bingen-Kochbuch
Hildegard-Medizin für alle Tage
Grosse Hildegard-Apotheke