Bert Hellinger und seine Methode - die Familienaufstellung
Christa Becker | Mittwoch, den 14. Dezember 2005
Er ist zweifellos ein ungewöhnlicher Mensch, dieser Bert Hellinger. 1925 wurde er geboren, studierte Philosophie, Theologie und Pädagogik, gehörte einem katholischen Missionsorden (den er 1971 wieder verließ) an und arbeitete 16 Jahre lang bei den Zulus in Südafrika. Seit seiner Rückkehr nach Deutschland beschäftigte er sich mit verschiedenen Psychotherapieformen wie Gruppendynamik, Transaktionsanalyse und Hypnoseverfahren. Damit nahm sein Leben noch einmal eine große Wende.
Trotz der zahlreichen psychotherapeutischen Verfahren, die er in seiner Ausbildung kennen gelernt hatte, war er noch nicht zufrieden. Aus seinen Erfahrungen heraus entwickelte er seine eigene Methode.
Hellingers Familien- oder Systemaufstellung nimmt folgenden Verlauf: Der Klient schildert ihm in wenigen Sätzen seine Situation; zu viel Information wirke auf ihn eher irritierend, erklärt der Therapeut. Dann werden verschiedene Menschen als sogenannte Stellvertreter ausgewählt, die den Platz der Mutter, des Vaters, der Geschwister und eventuell auch der Großeltern ausfüllen. Der Klient beobachtet zunächst die Aufstellung seiner Familie. Nur der Therapeut spricht mit den einzelnen Personen und fragt nach ihren Gefühlen. Hellinger behauptet, dass sich aus dieser Aufstellung von selbst die Antwort auf die Konflikte und Fragen seines Klienten ergibt, indem die Stellvertreter über Verstrickungen in der Familie berichten, die sie eigentlich nicht wissen können. Der Therapeut nennt dies das „wissende Feld“. Die Heilung des Klienten erfolge dann dadurch, dass er sich vor seinen Ahnen verneigt und seine Liebe und seinen Respekt zum Ausdruck bringt. So könne er sich aus den vorherigen Zwängen in der Familie befreien und endlich sein eigenes Leben gestalten, ohne fremdbestimmt zu sein.
Was bei Hellingers Methode auffällt, ist die strenge Hierarchie und Struktur, auf der sie beruht: Jeder Mensch gehört nach seiner Meinung für immer zu einer bestimmten Familie, zu einer bestimmten Sippe, aus der er sich nicht lösen könne. Zudem sei die Frau dem Mann untergeordnet, die Kinder den Eltern und das jüngere Kind den älteren Geschwistern. Werde diese Ordnung verletzt, mache sich der Mensch schuldig und müsse eine Strafe in Form von Krankheit, Krisen oder Tod in Kauf nehmen.
Dass Hellinger keine einzelnen Klienten in einer Praxis empfängt, sondern ausschließlich auf Großveranstaltungen vor mehreren hundert Leuten auftritt und seine Klienten auf der Bühne „behandelt“, wird von vielen Ärzten und Therapeuten kritisiert. In 10 Minuten ohne eine genaue Befragung oder Diagnosestellung eine Heilung durchführen zu wollen, sei Anmaßung. Und eine gute, vertrauensvolle Therapeut-Klient-Beziehung könne in aller Öffentlichkeit gar nicht aufgebaut werden. Das Risiko für die Hilfesuchenden sei außerdem groß, da Hellinger jede Verantwortung für die behandelten Klienten ablehne. Er entlasse sie nach kurzer, einmaliger Behandlung, im schlimmsten Fall bleiben sie verstört und verzweifelt zurück.
Noch ein kritischer Punkt: die Ausbildung nach seiner Methode. Schon nach 3 Tagen, also nach einem Wochenend-Workshop, kann sich der frischgebackene Therapeut mit der Systemaufstellung an die Arbeit machen. Diese Fortbildung wird übrigens nicht von Hellinger selbst durchgeführt, sondern von seinen Mitarbeitern. Auffällig ist auch, dass viele der neuen Therapeuten, die diese Methode anbieten, vorher als Heiler oder Astrologen gearbeitet haben.
Dass eine Faszination von Bert Hellinger ausgeht, bestreitet niemand. Kein Mensch ohne Ausstrahlung und Charisma kann Säle mit Hunderten von Leuten auf der ganzen Welt füllen, so viele Bücher verkaufen oder so viele Therapeuten nach seiner Methode ausbilden lassen. Auf seine Kritiker ist Hellinger überhaupt nicht gut zu sprechen und auch nicht bereit, sich in irgendeiner Form mit ihnen auseinander zu setzen. Kritische Fragen werden von ihm und seinen Anhängern abgetan, der Fragende abgewertet mit der Bemerkung, er sei paranoid oder einfach nur neidisch.
Und das macht viele misstrauisch. Es kann sein, dass diese Methode dem einen oder anderen geholfen hat. Aber die Art und Weise, wie Hellinger mit Kritik umgeht und sich bei der Behandlung über seinen Klienten stellt, so dass dieser sich klein fühlen muss, macht skeptisch. Jeder Teilnehmer an einem Seminar muss zudem vorher bestätigen, psychisch gesund und stabil zu sein. Eine Behandlung erfolgt sozusagen auf eigene Gefahr. Ob diese Therapie wirklich zu den seriösen und empfehlenswerten gehört, bleibt fraglich.
Bücher zum Thema:
– Zweierlei Glück
– Anerkennen, was ist
– Die Mitte fühlt sich leicht an