Prozessorientierte Körper-Psychotherapie (Postural Integration) - eine tiefgreifende Therapieform
Markus Oetliker | Mittwoch, den 21. September 2005
In meiner langjährigen Praxiszeit habe ich viele Menschen kennen lernen und in ihre Lebensgeschichte schauen dürfen. Hätte ich diesen Bericht vor ca. 6 Jahren geschrieben, so würde sich dieser anders lesen als heute, weil diese Therapieform sehr viele Erfahrungen und ein grosses Mass an Feingefühl verlangt.
Immer wieder stelle ich fest, welche tiefen Spuren solche Schicksale hinterlassen. Es geht dabei um weit mehr, als nur um Veränderungen des Körpers. Die Emotionen, manchmal ein wunderschönes Thema und manchmal eben auch sehr belastend, lösen verschiedene Reaktionen in unserem Körper aus. Man kann sich die Reaktionen wie ein Dominospiel vorstellen; ein Stein stösst den nächsten um und nichts stoppt es mehr.
Um das „Mensch sein“ begreifen zu können, müssen wir einige Denkhilfen oder –modelle in Anspruch nehmen; dabei sind es subjektive Hilfen, die nicht für jedermann stimmen.
Der Mensch definiert sich aus dem einen Teil, was wir Seele nennen; andere bezeichnen es auch als Bewusstsein, und dem anderen Teil, den wir Körper nennen. Der Körper und seine Milliarden von Zellen unterliegen dem Erbgut, also dem, was wir von unseren Ahnen übernommen haben; wir sprechen in diesem Fall von Vererbung. In dieser Therapie geht es darum, dass wir über unseren Körper arbeiten, das bedeutet, die alten gespeicherten Emotionen ins Bewusstsein gebracht werden. Was die Seele angeht, haben wir, so meine Meinung, keinen Zugriff, weil sich diese Lehren in einem Grenzbereich befinden und schlecht bewiesen werden können. Die Seele ist vorhanden, davon bin ich fest überzeugt, nur unterliegt sie anderen Gesetzmässigkeiten, die von uns Menschen nicht so einfach verstanden werden können.
Konzentrieren wir uns also auf den Körper, im Wissen, dass dieser nicht allein von sich aus bestimmte Veränderungen vornimmt.
Viele Schmerzen des Bewegungsapparates zeigen sich, vereinfacht ausgedrückt, durch Verspannungen, die sich langsam und über eine gewisse Zeitspanne aufgebaut haben. Solche Verspannungen bauen sich dann auf, wenn der Mensch nicht mehr die Möglichkeit hat, sich aus gewissen Situationen selbst zu lösen – er muss sich anpassen. Dieser Prozess zeigt sich im Kindesalter sehr stark. Wir erinnern uns selbst mehr oder weniger an unsere Kindheit und Jugendzeit. Rückblickend finden wir gewisse Sätze wie z.B.: „Solange Du Deine Füsse unter meinen Tisch hältst, tust Du das, was ich sage“, oder „Das hast Du wieder falsch gemacht“, oder „Du bist zu dumm, um zu begreifen…. die Reihe von solchen Glaubenssätzen liesse sich beliebig lange fortsetzen.
Wir passen uns an und glauben mit der Zeit, was man uns sagt, selbst. Wir haben es uns quasi einverleibt! In der Zeit der Begleitung kann man das Kind erziehen und formen oder man kann es auch verziehen und verformen. Sicher, das klingt hart, dennoch stimmt es.
Diese Glaubenssätze bilden anders ausgedrückt Verhaltensmuster, nach denen wir leben und versuchen, das Leben zu meistern. Es kann sein, dass wir irgendwann an einen Punkt kommen an dem wir feststellen, dass uns diese Muster am Leben hindern. Es kann sich in Schmerzen am Bewegungsapparat äussern oder wir haben ständig die gleichen Probleme. Wir ziehen immer dieselben Personen oder Situationen an und fragen uns, warum das schon wieder passiert.
Ein Denkmodell: Stellen wir uns einen gewissen Teil des Hirns vor – man nennt es das limbische System. Dieser Teil speichert all unsere Erlebnisse. Unser Hirn speichert jedoch nicht nur Erlebnisse, sondern all die Stoffwechselprogramme, die zu diesem Erlebnis gehören. Daher kann man sich auch das Thema „Rückfällig“ erklären. Gelingt es uns, das „alte Muster“ durch ein neues zu ersetzen, so sind die Chancen sehr gut, dass wir im Leben lernen und verändern. Alte Muster müssen zuerst ins Bewusstsein gebracht werden. Dazu nehmen wir den Körper zu Hilfe. Man sagt nicht umsonst: Der Körper vergisst nicht.
Ein Beispiel: Hören wir eine Musik, die wir in unserer Jugendzeit geliebt haben, so werden uns alle dazugehörenden Erlebnisse wieder in Erinnerung kommen. Dasselbe geschieht mit Farbkombinationen, Düften und anderem mehr. Wir erinnern uns, alles ist im limbischen Gehirn abgespeichert – auch jeder Schmerz.
Zurück zur Therapie der Postural Integration: Durch die Körperarbeit am Bindegewebe kommen wir an alte Schmerzen, die sich in Verspannungen in verschiedensten Körperschichten zeigt. Man nennt diese Verspannungen in unserer Fachsprache „Panzerung“, man lässt nichts an sich ran, um nicht wieder verletzt zu werden.
Jede Art von emotionalen Verletzungen wird im Körper angespeichert und kann daher wieder gelöst werden. Wird ein Kind immer wieder geschlagen, so wird es sich Strategien zurecht legen, das es überleben kann, sofern das möglich ist. Hört ein Kind zum Beispiel von einem Elternteil, dass alles, was es sagt, Unsinn sei, so wird die Überlebensstrategie die Verschlossenheit sein. Es wird sich auch im Erwachsenenleben hüten, sich zu öffnen. Das Muster funktioniert! Die Aufgabe des PI-Therapeuten besteht darin, durch die Arbeit mit dem Klienten an die damalige Strategie heranzukommen, diese ins Bewusstsein zu bringen und dann eine neue Verhaltensweise kreieren zu lassen.
Es spielt also keine Rolle, ob ein Mensch physisch oder psychisch geschlagen wurde, der Körper und das Verhalten des Menschen prägt sich nach den erlebten Erfahrungen. Für den Therapeuten bedeutet dies, eine „kriminalistische Feinarbeit“ zu leisten.
Viele Rückenprobleme haben, je nach Lage des Schmerzes, einen klaren Bezug zu dem erlernten Verhaltensweisen. Stellen wir uns vor, dass jede Art von Erfahrung auch Stress bedeutet, so werden wir feststellen, dass sich in solchen Momenten auch ein Säureüberschuss im Körper finden lässt. Die Säure wird über die Mineralstoffe neutralisiert. Die so gebundenen Mineralstoffe stehen dem Körper für die Regeneration nicht mehr zur Verfügung. Der Körper zieht sich in bestimmten Bereichen zusammen und es findet eine Veränderung der Haltung statt. Daher kann die Körperarbeit mit einer gezielten Nährstoffzufuhr begleitet werden, was sich nach meiner Erfahrung als sinnvoll erweist.
Bei der Körperarbeit geht es immer um die Aufarbeitung der persönlichen Geschichte des Menschen. Jeder Mensch schreibt seine einzigartige Geschichte auf seine Weise. Daher gibt es grundsätzlich keine gleiche Sitzung bei gleichem Thema.
Viele Menschen haben jetzt Angst, die ganze Kindheit anschauen zu müssen. Oft ist auch zu hören, dass man nicht alles auf die Kindheit schieben könne. Stimmt, wir erinnern uns jedoch, dass unser Körper auch als Teil des gesammelten Erbgutes gesehen werden sollte. Was wir oft nicht wissen oder ahnen (....ist dieser Begriff ein Zufall), stammt tatsächlich von unseren Ahnen und kommt erst bei bestimmten Situationen in unserem Leben zutage. Es ist nicht das Ziel, das ganze Leben auf diese Weise anzuschauen. Es genügt, dass wir ein aktuelles Muster stellvertretend für dieselben Situationen genau durcharbeiten.
Ein Denkmodell: Wunderschöne Kristalle finden sich nicht grundsätzlich an der Oberfläche, sondern sie müssen mühsam geschürft werden. Ähnlich ist es bei der Körperarbeit. Durch die tiefe Arbeit kommen wir an verborgene Themen. Diese Arbeit löst viele Emotionen aus, eine echte Herausforderung für jeden Menschen, welcher gelernt hat, seine Emotionen abspalten zu müssen.
Bei dieser Arbeit werden Körperstrukturen verändert, weil sich der Körper durch das Lösen von Verklebungen des Bindegewebes wieder aufrichtet! Es löst Verspannungen, deren Muskulatur über die Gelenke führen.
Die Therapie ist grundsätzlich in 10 Grundsitzungen unterteilt. Der Therapeut muss jedoch spüren, wie lange er jeweils an der einen Grundsitzung verweilt, bevor er sich für die nächste Sitzung entscheidet.
Man kann das so verstehen, dass die ersten drei Sitzungstypen dazu gedacht sind, die Oberflächenstruktur verändern, bevor man dann die sogenannten Tiefensitzungen angeht. Bei den nächsten Sitzungstypen (4-6) arbeitet man in der Tiefe. Die Sitzungen 7-9 dienen dann schon als Feinkorrekturen. Die letzte Sitzung dient quasi als ein letztes Auskorrigieren der Haltung. Jede Körperhaltung hat eine Wechselwirkung mit der emotionalen Haltung, der inneren Haltung. Beides befindet sich in einem Wechselspiel.
Was wir empfinden drückt sich in der Körperhaltung aus. Wir erinnern uns an die Ahnen. Das können die Eltern sein oder auch die Grosseltern. Wie oft höre ich, dass jemand sagt, dass er oder sie nie so werden will, wie Vater oder Mutter. Plötzlich stellt man fest, dass man diesem Bild näher ist, als man je wollte.
Die Thematik der Ahnen sitzt tiefer als man denkt. Es gibt Fachleute, die diese Therapieform als sehr aufwendig anschauen und daher verwerfen. Emotionen sind schnell kreiert und können einerseits nur langsam angegangen werden und andererseits braucht der Mensch Zeit, um die Prozesse zu verarbeiten. Die Therapieform „Postural Integration“ ist nicht eine Therapie, die mit 5 – 7 Sitzungen „erledigt“ ist; jeder Mensch, der sich für diese Therapie entschliesst, sollte sich darüber im Klaren sein, das es eine Arbeit ist, in welcher man sich auf sich selbst einlässt – ein wahres Abenteuer.
Bei jeder Therapie stellt sich die Frage nach dem Nutzen. Dieser lässt sich wie folgt erklären: Durch die Veränderung der Körperstruktur ist auch ein Bewusstwerden der verschiedenen Verhaltensmuster eingetreten. Stellt man also fest, dass sich ein Muster zeigt, bevor es aktiv wird, so hat man nach erfolgter Therapie die Fähigkeit, es frühzeitig zu erkennen.
Ein weiterer Nutzen zeigt sich durch das Verschwinden vieler hemmenden Symptome am Bewegungsapparat, wie z.B. Rücken- oder andere Gelenkschmerzen. Durch die Begleitung von gezielten Nährstoffen unterstütze ich den Prozess zusätzlich; das ist jedoch ein Teil meiner Begleitung und gehört nicht in die Therapieform der Postural Integration.
Der Fortschritt in der Therapie hängt jedoch zum grossen Teil von den Konstanz des Klienten ab. Es sollte zwischen den einzelnen Sitzungen nicht zu grosse Abstände geben. Postural Integration ist eine sehr intensive Therapieform, die jedoch sehr viele Veränderungen der Persönlichkeit wie auch der Körperstruktur mit sich bringt. Der Klient lernt, wirkliche Nähe zuzulassen.
Diese Therapieform eignet sich grundsätzlich für jeden Menschen und lässt dem Therapeuten einen relativ grossen Spielraum. Meine Eigenerfahrung in dieser Therapieform dauerte 5 Jahre und ich konnte dabei sehr viel meiner Geschichte aufarbeiten. Therapie heisst übrigens nicht, dass man dem Klienten etwas „weg therapieren“ soll, sondern ihm hilft, die Ursache ins Bewusstsein zu bringen. Erst in diesem Moment kann eine Veränderung geschehen.
Grundsätzlich empfehle ich vor Therapiebeginn ein Informationsgespräch, um festzustellen, ob Klient und Therapeut zusammen arbeiten können und um klare Richtlinien festzulegen. In dieser Therapie geht es auch darum, zu erkennen, dass der Körper alleine nichts verändern kann – es braucht unser Bewusstsein dazu und Unterstützung von aussen. Der Körper mit seinem Zellbewusstsein ist quasi die Software, die richtig gesteuert werden muss.
Alles, was mit dem Körper zu tun hat, muss ihm von uns zur Verfügung gestellt werden. Ohne Speis und Trank werden wir krank – hat einmal ein weiser Mann gesagt. Viele Menschen sind nach wie vor der Meinung, dass der Körper intelligent genug sei, Schmerzen oder Krankheiten wieder abklingen zu lassen, was leider ein Irrtum ist. Was wir dem Körper in irgendeiner Form nehmen, müssen wir ihm wieder geben, sei es Zeit, Ruhe, Entspannung, die richtige Ernährung oder Zeit für eine Therapie.
Solange man Therapie als Behandlung von Krankheiten sieht, wird man Mühe haben, sich auf den persönlichen Prozess einzulassen, weil man sich bei dieser Therapieform nicht krank fühlen muss, um einen Therapeuten aufzusuchen. Die Postural Integration ist eine ausgezeichnete Methode im präventiven (vorbeugenden) Bereich. Alte Verhaltensmuster können die Grundlagen von Krankheiten erschaffen. Postural Integration zeigt uns andere Möglichkeiten, das Leben anders anzugehen und zu meistern.
Markus Oetliker arbeitet als dipl. Körpertherapeut in eigenen Praxen (Kirchberg und Kloten). Neben der Postural Integration bietet er seinen Klienten auch Behandlungen mit Fussreflexzonenmassage, manueller Lymphdrainage, Hot Stone Therapie, sowie eine Haar-Mineralanalyse und intensive Ernährungstherapie an. Er führt Seminare durch und ist Co-Autor des Buches „Abenteuer Gesundheit“. Weitere Informationen unter http://www.oetliker.info/.
Bücher zum Thema:
– Abenteuer Gesundheit
Links zum Thema:
– http://www.oetliker.info/