Vital heute


Salutogenese - Gesundheit fördern statt Krankheit heilen
Christa Becker | Dienstag, den 6. September 2005

SalutogeneseDie Chinesen wissen es schon lange: die Medizin hat eigentlich die Aufgabe, uns gesund zu erhalten. Im alten China wurden Ärzte dafür bezahlt, dass ihre Kunden gar nicht erst erkrankten. Es hat lange gedauert, bis diese Einstellung auch den westlichen Teil der Welt erreichte.

Auch einem Forscher aus den USA haben wir es zu verdanken: Aaron Antonovsky (1923-1994). In einer Studie über Frauen in den Wechseljahren fand der Medizinsoziologe zu seinem eigenen Erstaunen heraus, dass viele Patientinnen gut mit körperlichen und seelischen Problemen fertig wurden und sich selbst als gesund bezeichneten, obwohl sie den Holocaust nur knapp überlebt hatten. Andere Frauen, die ein nach außen hin unkompliziertes Leben hatten, litten dagegen sehr unter ihren Beschwerden.

Antonovsky zog den Schluss, dass es nicht von der Situation, sondern von der Einstellung des einzelnen abhängt, wie er Anforderungen und damit auch Krankheiten bewältigt. Diese Einstellung bezeichnete er als Kohärenz (Stimmigkeit).

Aus 3 Faktoren besteht laut Antonovksy diese Haltung, die uns gesund erhalten kann trotz widriger Umstände:

1. Das Gefühl, das Geschehen um uns herum zu verstehen (sense of comprehensibility).
2. Das Gefühl, alles, was uns begegnet, beeinflussen und bewältigen zu können (sense of managebility), dem Leben also nicht passiv ausgeliefert zu sein.
3. Das Gefühl, dass alles eine Bedeutung hat, auch wenn wir diese nicht sofort erkennen können (sense of meaningfulness).

Nach Antonovsky können Menschen mit einer vertrauensvollen, flexiblen und positiven Grundhaltung sich jeder schwierigen Situation, auch einer Krankheit, stellen und doch überzeugt sein, bald wieder gesund zu werden. Sie sind überzeugt, dass sie über die nötigen Selbstheilungskräfte verfügen und der Arzt ihnen helfen wird. Es gibt inzwischen zahlreiche Forschungen, die diese Entdeckung von Aaron Antonovsky bestätigen. Über Patienten nach einem schweren Herzinfarkt gibt es besonders eindrückliche Studien: War ein Patient sehr ängstlich und fühlte sich der Krankheit ausgeliefert, hatte er einen langen und schweren Heilungsprozess vor sich, falls dieser überhaupt gelang. War ein Patient dagegen voller Hoffnung und Vertrauen darauf, bald wieder gesund zu sein, erholte er sich deutlich rascher und vollständiger.

Um diese Entdeckung für uns zu nutzen, wäre eine Umgestaltung unseres bisherigen Gesundheitssystems erforderlich: wir sollten weder die Forschung, noch unsere Energie oder unsere finanziellen Möglichkeiten danach ausrichten, nur die Ursache von Krankheiten herauszufinden, sondern uns darauf konzentrieren, was uns gesund macht und hält. Dazu gehören nicht nur eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung, sondern vor allem die Überzeugung, dass wir dadurch einen großen Handlungsspielraum gewinnen und unser Leben gestalten können. Es wird uns nicht gelingen, eine ungesunde Lebensweise umzustellen, weil der Arzt es uns aus Sorge um eine Verschlechterung einer Krankheit empfiehlt. Wir müssen erkennen, dass es unsere Lebensqualität verbessert und damit den Schutz vor Stress und weiterer Krankheit stärkt. Die Aufgabe des Arztes wäre es daher, Faktoren wie Beruf, Familie, Freizeitaktivitäten und Lebenseinstellung des Patienten mit einzubeziehen und die Eigenverantwortung seines Patienten zu aktivieren. Wir können es lernen, selbst gut für uns zu sorgen.

Es gibt zunehmend mehr Mediziner (siehe auch Artikel Dietrich Grönemeyer – Arzt sein, Mensch bleiben), die Antonovkys Überzeugung teilen und ihrem Patienten nicht mit „Was fehlt Ihnen denn?“ begegnen, sondern zusammen mit dem Patienten außer den physischen auch psychische und soziale Faktoren betrachten. Danach kann überlegt werden, wo die Stärken des Patienten liegen, woraus er Kraft schöpfen kann. Die Pathogenese, also die alleinige Suche nach dem Auslöser der Krankheit, sollten wir hinter uns lassen, ebenso die Rolle des passiven Patienten, der vom Arzt mit kurzer Befragung, Diagnostik und Rezept abgefertigt wird. Dass wir von vielen Ärzten in eine solche abhängige Haltung gedrängt werden und Fragen aus Zeitmangel nicht erwünscht sind, liegt auch an uns. Wir können selber aktiv werden und bei dem Arzt oder Therapeuten Unterstützung suchen, wo wir sie auch bekommen.

Ein weiterer Ansatz erschließt sich daraus folgerichtig: nicht nur der Patient sollte seinen Schwerpunkt darauf legen, die eigene Gesundheit zu erhalten, sondern auch alle Beteiligten an dem System, das ihn dabei unterstützen soll. Es reicht dabei natürlich nicht aus, wenn sich eine Krankenkasse in Gesundheitskasse umbenennt. Die Menschen in der Praxis, Klinik oder Versicherung müssen ebenfalls lernen, gut mit sich, den Kollegen und Kunden umzugehen. Dabei sind zweitägige Schicht- und Bereitschaftsdienste von Ärzten im Krankenhaus ebenso abzulehnen wie die 5-Minuten-Schnellmedizin in manchem Sprechzimmer. Das ist weder für Patient noch Arzt gesund! Von der Pathogenese zur Salutogenese ist es noch ein weiter Weg, aber die ersten Schritte sind wir schon gegangen. Der Forscher Antonovsky hat dafür ein schönes Bild entwickelt: Für ihn ist das Leben ein Schwimmen im reißenden Fluss. Während ein Arzt mit pathogenetischem Ansatz einen Ertrinkenden aus dem Wasser rettet und dann wartet, bis er wieder hineinfällt, geht es in der Salutogenese darum, dass jeder besser schwimmen lernt.

Bücher zum Thema:
Salutogenese
Salutogenese und Kohärenzgefühl
LernGesundheit
Salutogenese und positive Psychotherapie