Friedrich Salomon Perls - der Vater der Gestalttherapie
Christa Becker | Dienstag, den 16. August 2005
„Fritz“ haben seine jüdischen Eltern den am 08.07.1893 in Berlin geborenen Sohn gerufen. Den Namen Frederick nimmt er später an, als er auf Dauer im englischsprachigen Raum zu Hause ist. Zunächst tut sich Perls schwer, seinen beruflichen Weg zu finden.
Er studiert zunächst Medizin, um möglichst viele Alternativen zu haben. Sein großes Interesse gilt aber der Psychoanalyse von Freud und Reich. Der erste Weltkrieg unterbricht seinen beruflichen Werdegang, Perls kehrt nach Kriegsende verwundet und verwirrt zurück, durchläuft eine klassische Psychoanalyse. Nach der Machtübernahme Hitlers ist eine weitere berufliche Entwicklung als Neurologe und Psychiater in Deutschland unmöglich, Perls flüchtet 1934 mit Frau Lore (1905-1990) und Tochter Renate nach Südafrika. Dort wird 1935 Sohn Stephen geboren.
Perls und seine Frau arbeiten mehrere Jahre als Psychotherapeuten in eigener Praxis, danach wird das Institut für Psychoanalyse gegründet. 1941 veröffentlich Perls sein erstes Buch „Das Ich, der Hunger und die Aggression“. Ein Jahr später tritt er als Psychiater in die Armee ein, in diesem Krieg auf Seiten der Engländer gegen die Deutschen. 1946 kehrt er der Armee und dem Land Südafrika den Rücken. In den USA findet er eine neue Heimat.
Gemeinsam mit seiner Frau entwickelt er seine Psychotherapie weiter, nennt sie schließlich Gestalttherapie. Mit der klassischen Psychoanalyse Sigmund Freuds hat das nichts mehr gemeinsam. Dieser versuchte seinen Klienten helfen, indem er dessen Vergangenheit mit allen prägenden, guten und schlechten Erlebnissen aufarbeitete. Das Ziel war, dem Klienten mehr Einsicht zu verschaffen und der gesellschaftlichen Norm besser anzupassen, dann sei er gesund. Hatte der Klient die Psychoanalyse abgeschlossen, galt er als geheilt – oder überhaupt nicht therapierbar.
Perls dagegen definiert seine Arbeit so: „Gestalttherapie bedeutet, in Kontakt mit dem Offensichtlichen sein.“ Immer sieht er seinen Klienten als Einheit mit der Umwelt. Ändern sich die Lebensbedingungen, muss der Mensch sich anpassen. Gelingt ihm das nicht, wird er anfangen zu leiden. Perls arbeitet nicht in der Vergangenheit seines Klienten, sondern nur im Jetzt. Jede Auffälligkeit im Verhalten eines Menschen habe ihren Grund. Anstatt also wie die bisherige Psychotherapie ein Angstgefühl zu erörtern und zu bewerten, betrachtet Perls mit seinem Klienten dieses Gefühl, damit er es als Teil von sich akzeptieren kann. Dann erst ist der Weg frei zu einer Assimilation, also einer Einbindung der Angst in die eigene Gefühlswelt. Gelingt das, ist die Angst nicht mehr übermächtig und muss nicht mehr bekämpft werden. Der Klient kann wieder selbstbestimmt handeln, da er nicht einen Teil seiner Wahrnehmung, nämlich die Angst, verdrängen und verleugnen muss.
Nach Perls Überzeugung haben manche Menschen ein Erlebnis innerlich nicht zu Ende gebracht, „eine Gestalt nicht geschlossen“. Wenn ein Klient zum Beispiel seinen Vater als bedrohlich erlebte, wird er vermutlich später mit allen Autoritätspersonen (Lehrer, Polizist, Vorgesetzter) Probleme haben, sagt Perls. Wird dem Klienten diese automatische Reaktion bewusst, kann er lernen, auf ähnliche Situationen anders als früher eingeübt zu reagieren. Die Gestalt hat sich damit geschlossen, eine Blockade aufgelöst. Die Gestalttherapie wirkt deshalb oft in kürzester Zeit, weil der Klient merkt, dass er keine Energie mehr dafür verwenden muss, etwas zu verstecken, was sich „nicht gehört“. Diese Kraft steht ihm wieder zur Verfügung, um kreative Lösungen für ein Problem zu finden. Entscheidend für einen Gestalttherapeuten ist nach Perls’ Ansicht, einen guten offenen Kontakt zu seinem Klienten herzustellen und ihn zu unterstützen. Perls geht es darum, seinen Klienten nicht zu verändern, sondern ihn zu ermutigen, so zu sein, wie er ist und nicht wie er sein sollte.
Nach vielen Jahren als Therapeut und Ausbilder von Therapeuten in New York und vielen Publikationen übernimmt Perls 1963 eine neue Aufgabe in Esalen. Dieser Ort 300 km südlich von San Francisco galt den indianischen Ureinwohnern früher als heilige Stätte. Im dortigen Institut betreut Perls Work-Shops und leitet Gruppen, um möglichst viele Therapeuten mit seiner Methode bekannt zu machen, weil die Nachfrage groß ist. Nach einer Operation ist er am 14.05.1971 gestorben. Es wird berichtet, dass er auf die Aufforderung einer Krankenschwester, er solle sich wieder zu Bett begeben, antwortete: „Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe.“ Es waren seine letzten Worte.
Dass die Gestalttherapie weiterhin sehr gefragt ist, hat damit zu tun, dass sie sich als Entwicklungsprozess begreift. Wir sind heute dazu gezwungen, uns immer neuen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen anzupassen. Gelingt uns das nicht alleine, können wir in einer Gestalttherapie Unterstützung finden.
Bücher zum Thema:
– Das Ich, der Hunger und die Aggression
– Gestalttherapie, Praxis
– Gestalttherapie in Aktion
– Grundlagen der Gestalttherapie
– Einladung zur Gestalttherapie
– Die Kunst der Wahrnehmung
– Meine Wildnis ist Seele des Anderen
Links zum Thema:
– http://www.gestalttherapie.de/
– http://www.fritz-perls-institut.de/
– http://www.praxis-info.ch/gestalttherapie.htm
– http://www.gestalttherapie.at/