Positiv leben - Nein sagen lernen

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Positiv leben - Nein sagen lernen

Christa Becker | Dienstag, den 9. August 2005

Nein sagen lernenWie oft haben wir diese Situation schon erlebt: auf unserem Schreibtisch stapeln sich die Akten und der Chef kommt am späten Nachmittag mit einer dringenden Arbeit vorbei. Obwohl wir wissen, dass wir damit die Verabredung ins Kino vergessen können, reagieren wir mit einem freundlichen Ja auf die Frage, ob wir das noch erledigen könnten.

Was bringt uns dazu, dass wir Ja sagen, wo wir Nein meinen? Und warum fällt uns dieses ehrliche Nein oft so schwer? Und nicht nur am Arbeitsplatz: auch in der Warteschlange vor der Supermarktkasse, wo wir jemanden vorlassen, obwohl wir es selbst eilig haben. Immer wieder leiden wir darunter, dass wir vorschnell eine Zusage geben, obwohl es uns in Zeitdruck oder andere Schwierigkeiten bringt.

Es macht uns unzufrieden und wütend, aber es gelingt uns nicht, daran etwas zu ändern. Ich glaube nicht, dass wir dem ausgeliefert bleiben müssen. Wir können uns die Gründe für das vorschnelle Ja bewusst machen, um endlich so zu reagieren, wie es für uns stimmig wäre.

Dass dieses Problem hauptsächlich Frauen betrifft, bringt uns schon auf die erste Spur: es liegt meistens an der Erziehung, die einem Mädchen schon frühzeitig beibringt, dass Anpassungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit wichtige Eigenschaften sind. Auf eigene Wünsche und Gefühle wird deutlich weniger Wert gelegt. Wut und Trotz werden bestraft. Als Kind lernen wir daraus: wenn ich Ja sage und gehorche, bekomme ich Lob, Anerkennung und Zuneigung, bin also ein „braves Kind“. Wer vermutet, dass man diese Konditionierung als Erwachsener einfach ablegt, weil sie da ja überflüssig geworden ist, irrt sich leider. Wir halten an diesen Prägungen fest, bis sie sich störend auf unsere Entwicklung auswirken und wir unter ihnen zu leiden beginnen. Diesem Konflikt können wir auf 3 verschiedene Arten begegnen. Wir können einer Veränderung ausweichen und weiterhin Ja sagen und „braves Kind“ bleiben. Wir können aber auch ins andere Extrem fallen und aus einer inneren Abwehrhaltung heraus zu allem automatisch Nein sagen. Beides zeigt nicht unsere wirklichen Gefühle und Bedürfnisse und ist deshalb keine adäquate Lösung.

Als dritte Alternative könnten wir uns bewusst machen, wofür wir als Kind gelobt oder bestraft wurden. Schnell werden uns bestimmte Situationen einfallen, die sich bis heute immer wieder nach einem ähnlichen Muster abspielen. Wenn Sie als junges Mädchen nur für gute Schulnoten Beachtung bekamen, wird Ihr Chef schnell merken, dass Sie zu jeder Extraaufgabe und jeder Überstunde bereit sind, wenn er Ihnen das Gefühl gibt, dass der Betrieb ohne Sie nicht funktionieren würde. Kommt Ihnen das bekannt vor? Das Fatale daran ist nur, dass Sie keinen Dank erwarten können für Ihr Engagement. Sie werden irgendwann feststellen, dass Sie ausgenutzt und missbraucht werden. Ihr Wunsch nach Anerkennung ist so stark, dass Sie beruflich und privat etwas zulassen, das Sie nicht wollen oder Ihnen nicht gut tut.

Es geht also darum, dass wir uns und unsere Bedürfnisse so wichtig nehmen wie die Ansprüche anderer. Nicht wichtiger, aber auch nicht weniger wichtig. Das bedeutet, dass wir Grenzen setzen müssen. Wo keine klaren Grenzen gezogen sind, wird es immer Menschen geben, die das spüren und ausnutzen, der Chef oder die Frau hinter Ihnen an der Supermarktkasse. Es ist völlig in Ordnung, dem Chef mitzuteilen, dass Überstunden heute leider nicht möglich sind, weil wir in einer Stunde eine Verabredung haben. Unser privates Leben und Verabredungen mit Freunden sind ebenso wichtig wie Arbeit und Meetings! Das Treffen mit der besten Freundin gehört auch zu dem, was wir brauchen, wie die Zeit mit der Familie. Zur Abgrenzung gehört auch zu lernen, dass Gefühle wie Aggressionen und Wut ein Teil unserer Persönlichkeit sind und nicht ausgeklammert werden müssen. Wenn wir diese Gefühle unterdrücken, explodiert die angestaute Wut vielleicht im schlechtesten Moment und einem Menschen gegenüber, der mit der Wut gar nichts zu tun hat. Und Nein sagen bedeutet nur, Position zu beziehen, ist nicht mit Rücksichtslosigkeit oder Egoismus gleichzusetzen.

Wenn wir immer aus dem Wunsch nach Harmonie und Frieden nachgeben, werden wir irgendwann nicht mehr wissen, was wir eigentlich wollen. Andere werden über uns entscheiden und wir uns dabei unwohl fühlen. Unsere Lebensgestaltung ist unsere Angelegenheit und wir sind dafür verantwortlich. Nehmen wir uns also wichtig und sagen bewusst „Nein“, wenn wir es für richtig halten. Wir müssen nicht mehr mit Bestrafung rechnen wie als Kind, wenn wir ungehorsam waren. Und wir werden spüren, dass wir mit uns selbst zufriedener sind und entgegen unserer Befürchtung auch besser mit anderen Menschen zurechtkommen, weil wir klare Zeichen setzen.

Bücher zum Thema:
Die wilde Frau
Die Kraft des Nein
Ich könnte alles tun, wenn ich nur wüsste, was ich will
Ja, nein, vielleicht?


Christa Becker | Dienstag, den 9. August 2005

Veröffentlicht in Soziales, Wellness

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