Elisabeth Kübler-Ross: In Würde sterben
Christa Becker | Dienstag, den 26. Juli 2005
2004 ist sie gestorben, die bekannte Schweizer Ärztin Kübler-Ross. Ihr Leben lang hat sie sich mit dem Sterben und dem Tod auseinandergesetzt. Tabus und scharfe Kritik hielten sie nicht davon ab, viele Unwahrheiten zu berichtigen.
Wenn wir heute allmählich damit beginnen, uns über ein Sterben in Würde Gedanken zu machen, ist das auch ihr Verdienst. Noch immer neigen wir dazu, den Tod als nicht zum Leben gehörend zu betrachten, vielfach wird er einfach verdrängt. Im Krankenhaus und im Altenheim soll gestorben werden, aber nicht zuhause und nicht in unserer Nähe. Aber wäre das der Tod, den wir uns selbst wünschen? Sicher nicht!
Wir können den eigenen Tod verdrängen, entgehen können wir ihm nicht. Und nach Meinung vieler Psychologen verlieren Tabus ihre Schrecken, sobald man sich mit ihnen befasst. Das Leben und die Arbeit von Dr. Kübler-Ross anzuschauen, könnte ein erster Schritt sein.
Ihr Leben begann gleich mit einem Handicap: Sie kam am 08.07.1926 in Zürich als die erste von Drillingsmädchen zur Welt, war wegen des geringen Geburtsgewichts kaum lebensfähig, schaffte es dennoch. Schon früh engagierte sie sich in der internationalen Friedensbewegung und entschloss sich dann, Ärztin zu werden. Mit ihrem Mann, einem amerikanischen Mediziner, zog sie 1958 in die USA. Während der Arbeit in einer New Yorker Klinik erlebte sie erschüttert, wie mit sterbenskranken Menschen umgegangen wurde. Sie wurden isoliert und belogen, ihrem Wunsch nach einem Sterben zuhause oder einer ausreichenden Schmerztherapie wurde nicht nachgekommen. Für Dr. Kübler-Ross war dies der Anstoß, sich als Psychiaterin weiterzubilden. Nach der Geburt ihrer 2 Kinder zog sie mit ihrer Familie nach Chicago um. Im dortigen Hospital führte sie intensive Gespräche mit Sterbenden und stellte überrascht fest, dass dies gar nicht so belastend und traurig war, wie sie anfangs vermutet hatte. Die Kranken waren aufgeschlossen und sehr froh, jemanden an ihrer Seite zu haben.
Kübler-Ross hielt Seminare über ihre Beobachtungen, auch wenn sie sich im Medizinbetrieb damit keine Freunde machte. Die Gespräche mit den todkranken Patienten hielt sie in ihrem ersten und bekanntesten Buch „Interviews mit Sterbenden“ fest. Darin beschrieb sie die verschiedenen Phasen, die ein sterbender Mensch vor seinem Tod durchläuft: zunächst wird der Tod geleugnet, dann folgt nach einer Phase des Zorns das Verhandeln mit Gott. Daran schließt sich eine Phase der Niedergeschlagenheit und schließlich des Annehmens des eigenen Todes an. Kübler-Ross beobachtete im Kollegenkreis, dass bei der Ausbildung von Ärzten und medizinischem Personals der Tod nicht zum Inhalt gehörte, ja, dass Sterben für viele gleichbedeutend mit Versagen war. Sie bemühte sich deshalb ihr Leben lang, gerade vor Medizinstudenten in aller Welt Vorträge zu halten und diese für das Thema zu sensibilisieren.
Ich hatte vor Jahren die Gelegenheit, an einem solchen Seminar im Schwarzwald teilzunehmen. Es war ein unvergessliches Erlebnis. Die zierliche Frau sprach sehr unbefangen und natürlich vor dem gut gefüllten Saal, nahm ihr Publikum rasch gefangen. Sie erzählte vor allem von ihrer aktuellen Arbeit mit todkranken und sterbenden Kinder. Während Eltern und Ärzte meist dazu neigten, den Kindern die schreckliche Wahrheit vorzuenthalten, wussten diese längst, was auf sie zukam. Malend und erzählend setzten sich die Kinder mit Sterben und Tod auseinander. Und die Ehrlichkeit, mit der die Ärztin sich dem baldigen Tod ihrer Patienten stellte, bedeutete sicher eine große Entlastung für die Kranken und deren Familien. Die von Kübler-Ross mitgebrachten Zeichnungen, in denen die Kinder sich selbst und ihre Vorstellung vom Tod malten, haben auf mich einen tiefen Eindruck gemacht. Da fanden sich Schutzengel, Schmetterlinge und Sterne und wenig Angst, Schmerz oder Alleinsein. Ein weiterer Schwerpunkt im Vortrag waren ihre Berichte über Nahtod-Erfahrungen, in denen die Sterbenden übereinstimmend berichten, sich so wohl gefühlt zu haben, dass ihnen die Rückkehr ins Leben schwer gefallen sei. Keiner der Patienten habe nach dieser Erfahrung noch Angst vor dem Sterben gehabt.
Mit ihren 20 Büchern, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, hat Kübler-Ross einen großen Beitrag geleistet, das Sterben und den Tod aus ihrem Schattendasein zu holen. Lasst die Todkranken ihre letzten Tage zuhause verbringen, sprecht mit ihnen, auch über das Sterben, seid ihnen nahe, grenzt sie nicht aus eurem Leben aus, das war ihr Leitsatz. Sie setzte ihre Arbeit mit weiterer Forschung und der Gründung von Hospizen konsequent fort.
Für ihren jahrelangen, engagierten Einsatz trotz aller Kritik und vieler Rückschläge wurde Elisabeth Kübler-Ross mit 23 Ehrendoktortiteln gewürdigt. Sie hat sich durch ihre Gegner in Ärzteschaft und Bevölkerung nie von ihrem Ziel abbringen lassen, den Todkranken ein würdevolles Sterben zu ermöglichen, was für sie auch eine ausreichende Schmerztherapie beinhaltete. Am 24.08.2004 ist Dr. Elisabeth Kübler-Ross in Arizona gestorben. Die Diskussion, die sie in Gang gebracht hat, ist heute aktueller denn je.
Jeder Mensch, nicht nur die Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Kirche, sollte sich um einen ehrlichen und offenen Umgang mit Sterben und Tod bemühen. Dank Kübler-Ross hat heute die Sterbebegleitung, die neben einer wirkungsvollen Schmerztherapie auch ganz nach dem Bedürfnis des einzelnen liebevolle Zuwendung, Gespräche und Gebete beinhaltet, einen festen Platz eingenommen. Es gibt inzwischen viele Hospize für Todkranke, die neben der nötigen Pflege auch ein Maximum an Lebensqualität bieten.
Und so wie vor Jahrzehnten die Ärztin Kübler-Ross das Sterben und den Tod zum allgemeinen Thema machte, wird heute viel über die aktive und passive Sterbehilfe nachgedacht und geredet. Das Schicksal der seit 15 Jahren im Wachkoma liegenden Amerikanerin Terri Shiavo füllte die Nachrichten in Fernsehen und Presse. Ihre Familie, Politiker wie George W. Bush und Vertreter der Kirche wie Papst Johannes Paul II. engagierten sich für ein weiteres Leben. Der Ehemann und viele Ärzte sprachen sich dafür aus, Terri Shiavo die Ernährungssonde zu entfernen und sie sterben zu lassen, was dann schließlich auch geschah. Ihr Ehemann wurde bedroht und als Mörder bezeichnet.
Ich glaube jedoch nicht, dass er sich die Entscheidung leicht gemacht hat. Wenn keine Möglichkeit mehr besteht, dass ein Koma-Patient wieder zu Bewusstsein kommt (und das war bei der amerikanischen Patientin der Fall), sollte man ihn in Würde sterben lassen und nicht länger zum Leben zwingen mit allen Möglichkeiten, welche die Intensivmedizin zur Verfügung hat: künstliche Ernährung und Beatmung. Es geht nicht um das Töten, sondern um das Recht, sterben zu dürfen. Dass diese Entscheidung immer sehr sorgfältig und im Einzelfall geprüft werden muss, ist eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur der medizinische Befund, sondern auch der wahrscheinliche oder in einer Verfügung dokumentierte Wunsch des Patienten sollte dabei eine Rolle spielen. Besonders schwierig ist es natürlich, wenn der Mensch diese Entscheidung nicht mehr selbst treffen kann, sondern andere – Angehörige und Ärzte – ihm diese Entscheidung abnehmen müssen. Noch einmal: es geht nicht darum, den Tod herbeizuführen oder zu beschleunigen, weil ein qualvolles Leiden oder langsames Sterben unerträglich sind. Aber kein Mensch sollte Schmerzen leiden müssen, weil eine ausreichende medikamentöse Unterdrückung der Schmerzen vielleicht seine Lebensdauer um Tage oder Wochen verkürzen könnte. Es geht um Lebensqualität, gerade auch im Sterben. Elisabeth Kübler-Ross hätte sich gefreut über die Diskussion, die durch Terri Shiavo in Gang gekommen ist.
Bücher zum Thema:
– Interviews mit Sterbenden
– Über den Tod und das Leben danach
– Hospizpraxis. Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen