Osteopathie - sanfte Hände, sanfte Heilung
Christa Becker | Donnerstag, den 7. Juli 2005
Osteopathie bedeutet „Krankheit des Knochens“ und ist damit ein irreführender Begriff. Der Osteopath behandelt nämlich nicht nur Knochen, sondern jedes Körpergewebe. Schon vor 120 Jahren wurde diese Therapieform von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still (1828-1917) begründet.
Still wandte sich einer ganzheitlichen Medizin zu, nachdem er seine erste Frau und vier Kinder durch Krankheiten verloren hatte, bei denen die Schulmedizin nicht helfen konnte. Einer seiner ersten Schüler namens William Garner Sutherland entwickelte einige Jahre später die ergänzende cranio-sacrale Osteopathie. In den USA, in England und Frankreich hat die Therapie schon vor 80 Jahren Fuß gefasst, in Deutschland und in der Schweiz erstaunlicherweise erst seit 1980.
Nach der Überzeugung von Still bildet der ganze Körper eine komplizierte Einheit. Manche Funktionen führen wir bewusst durch wie etwa die Bewegung von Händen oder Beinen, andere laufen unbewusst und somit auch im Schlaf ab. Dazu gehören die Atmung, der Blutkreislauf, die Herztätigkeit und die Verdauung. Die Osteopathen gehen davon aus, dass der Körper jede Funktionsstörung zunächst selbst auszugleichen sucht. Erst wenn der Körper diese nicht mehr bewältigt, treten Symptome auf. Nach dem ganzheitlichen Menschenbild kann das Ungleichgewicht eines Körperteils auch an ganz anderer Stelle zutage treten. Konzentrierte man sich wie in der Schulmedizin bei Untersuchung und Behandlung nur auf diese Störung, komme man dem Auslöser nicht auf die Spur und könne somit den Grund der Erkrankung weder erfassen noch therapieren.
Der Osteopath beginnt deshalb seine Therapie immer mit ausführlichen Fragen nach der Erkrankung und Vorbefunden wie Röntgenbildern, aber auch nach den Lebensumständen wie Ernährung, Beruf und Sport. Erst dann folgt eine intensive Untersuchung des ganzen Körpers, auch „Listening“ genannt, um Verspannungen und Blockierungen aufzuspüren. Diese können durch sanften Druck und behutsame Dehnung gelöst werden. Der Osteopath benötigt also keine Hilfsmittel für Diagnose und Behandlung, lediglich seine Hände. Die Osteopathie gehört deshalb genau wie die Chiropraktik (siehe Artikel Chirotherapie) zu den sogenannten „manuellen Therapien“. Besteht die Krankheit schon länger, können dabei mehrere Therapiestunden in wöchentlichen Abständen erforderlich sein, bei kurzer Krankheitsdauer hilft oft schon eine Behandlung. Immer wird der Osteopath eine Kontrolluntersuchung etwa eine Woche nach der Behandlung vorschlagen, um den Effekt der Therapie überprüfen zu können. Das Ziel der Osteopathie ist es, den Körper wieder in seine natürliche Balance zu bringen und seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren.
Diese Organsysteme untersucht und behandelt der Osteopath: das parietale System mit Knochen, Muskeln, Sehnen und Bändern, das viscerale System mit den inneren Organen und deren Umgebung sowie das cranio-sacrale System mit Kopf, Rückenmark und Beckenbereich. Besonders gute Erfolge hat die Osteopathie bei der Behandlung von Verspannungen der Rückenmuskulatur, bei Bandscheibenleiden, bei Verletzungen von Knochen, Muskeln, Sehnen oder Bändern mit eingeschränkter Beweglichkeit. Auch bei Spannungszuständen im Bereich großer Narben hilft der Händedruck. Ausgeschlossen von der Behandlung sind Patienten mit akuten, lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, aber auch mit schweren Entzündungen, Krebsleiden, Knochenbrüchen und offenen Wunden. In der Nachbehandlung von Herzoperation, Knochenbruch oder Verbrennung dagegen kann die Osteopathie hilfreich sein. In den letzten Jahren hat sich die Therapie auch sehr erfolgreich mit Krankheiten wie chronischen Schmerzen, Tinnitus, Migräne, Schwindel, Verdauungsstörungen und Stress-Symptomen befasst. Ein weiteres, noch neues Behandlungsfeld des Osteopathen sind Säuglinge und Kleinkinder nach einer schwierigen Geburt, aber auch die Betreuung von Frauen vor und nach einer Entbindung. Und sogar für Pferd und Hund kann man inzwischen erste Spezialpraxen finden.
Bücher zum Thema:
– Osteopathie – so hilft sie Ihrem Kind
– Osteopathie: Sanftes Heilen mit den Händen
– Osteopathie für Frauen
Links zum Thema:
– http://www.wso.at/neu/index.html
– http://www.osteopathie.de/
– http://www.osteopathy.ch/