Michael Balint - der Mann hinter der Bezeichnung Balint-Gruppe
Christa Becker | Dienstag, den 21. Juni 2005
Mein Hausarzt hat mir erzählt, dass er eine „Balint-Gruppe“ besuche. Das sei eine ärztliche Fortbildung über Psychosomatik, ergänzte er. Weil ich davon bislang noch nie gehört hatte, forschte ich weiter nach. So formte sich aus einem Begriff ein Name und schließlich die Geschichte eines Lebens heraus.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts machte die Medizin ungeheure Fortschritte: Robert Koch entdeckte die Erreger der Tuberkulose, Sigmund Freud entwickelte seine Psychoanalyse. Weniger bekannt dagegen ist der Arzt Michael Balint, sein Beitrag für die Medizin deshalb aber nicht weniger wichtig.
Am 03.12.1896 wurde Mihály Maurice Bergsmann in Budapest als Sohn eines Arztes geboren. Später legte er seinen Namen ab, benannte sich in Michael Balint um und wechselte von der jüdischen in eine christliche Religionsgemeinschaft. Schon früh las Balint die Bücher von Sigmund Freud und Alfred Adler, bezeichnete sich nach der Lektüre als „süchtig nach Psychoanalyse“ und besuchte Vorlesungen zu diesem Thema. Der Vater drängte ihn, ebenfalls Medizin zu studieren, obwohl die Physik, Biochemie und Mathematik ihn mehr faszinierten. Nach Abschluss des Studium wurde er am Ende des 1. Weltkriegs noch als Soldat eingezogen, kämpfte in Russland und den Dolomiten.
1920 ging er mit seiner jungen Frau nach Berlin, arbeitete dort im Labor von Otto Warburg, dem späteren Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie des Jahres 1931, und schloss sein Doktorat in Biochemie ab. Die noch junge Wissenschaft der Psychologie beschäftigte ihn aber weiterhin. Nach einer psychoanalytischen Ausbildung führte er an der berühmten Charité-Klinik erste eigene Analysen an psychosomatischen Patienten durch.
1924 ging das Ehepaar Balint wieder nach Ungarn zurück, wo Michael schon bald eine führende Rolle in der Budapester Vereinigung von Psychoanalytikern übernahm. Er hielt viele Vorträge und gründete ein Seminar für Hausärzte, um diesen mit den Erkenntnissen der Psychosomatik eine Hilfestellung für die Praxis zu leisten. Nachdem sich die politischen Randbedingungen aber zunehmend verschärften, emigrierte Balint mit Frau und Sohn wenige Monate vor Beginn des 2. Weltkrieges nach England. 1939 verstarb völlig unerwartet seine Frau. Kurz darauf erfuhr er vom Freitod seiner Eltern, die in Ungarn geblieben waren und sich der drohenden Verhaftung durch die Nazis entziehen wollten.
Zunächst arbeitete er als psychologischer Berater an einer Klinik in Manchester, ging nach dem plötzlichen Tod seiner Frau nach London. Dort nahm er wieder auf, was ihm schon in Budapest das Wichtigste gewesen war: die Studien- und Gruppenarbeit mit praktischen Ärzten. Diese wird später nach ihm „Balint-Gruppe“ benannt. Balint war der Überzeugung, dass der Arzt selbst das am häufigsten verwendete Heilmittel sei. Wenn es einem Arzt gelänge, eine gute und vertrauensvolle Atmosphäre mit dem Patienten zu schaffen, habe dies allein schon eine heilende Wirkung. Häufig – so formulierte es Balint – liegen einer Krankheit seelische Konflikte zugrunde. Wenn ein Patient diese seinem Arzt mitteilen könne, brauche er nicht mehr die Symptome einer Krankheit präsentieren. Die Voraussetzung für eine solche Offenheit des Patienten sei, dass der Arzt ihn als Gesamtpersönlichkeit wahrnehme und nicht nur als ein kranker Mensch mit verschiedenen Symptomen, die es zu analysieren gilt. In seinem bekanntesten Buch „Der Arzt, sein Patient und die Krankheit“ beschreibt Balint diesen Konflikt und zeigt Lösungsvorschläge auf, damit der psychosomatisch erkrankte Patient nicht zum „Problempatient“ abgestempelt wird und von einem Arzt zum anderen durchgereicht wird, weil man der Ursache seiner Beschwerden nicht auf den Grund kommt.
Balint gelang es, in zahlreichen Vorträgen und Publikationen seine Arbeit bekannt zu machen, weltweit entstanden weitere Gruppen nach seinem Muster. Balint erfuhr große Anerkennung in Fachkreisen, wurde 1968 Präsident der Britischen Psychoanalytischen Vereinigung. Am 31.12.1970 starb Michael Balint.
Seine Idee lebt weiter. Denn auch heute noch spielt der Umgang mit psychosozialen Konflikten in der ärztlichen Ausbildung keine wichtige Rolle. Die Balint-Gruppen haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Hausärzten eine Hilfestellung zu geben, wenn es in der Arzt-Patient-Beziehung zu Problemen kommt. Weil der Hausarzt meisten die erste Anlaufstelle für einen Erkrankten ist und er häufig auch die soziale, berufliche und familiäre Situation des Patienten kennt, kann er auch besten auf ihn eingehen.
Jede Gruppe wird von einem ausgebildeten Balint-Gruppenleiter geführt und findet meist 2 Mal im Monat über einen Zeitraum von 3 – 5 Jahren statt. Die Teilnehmer schildern im Wechsel eine Situation aus seiner Praxis. Gemeinsam wird die Lage dann analysiert und eine Lösung erarbeitet. Diese Form der Fortbildung für praktische Ärzte hat sich mittlerweile so etabliert, dass die Teilnahme an einer Balint-Gruppe für psychosomatisch tätige Hausärzte und für die Fortbildung zum Facharzt vorgeschrieben ist. Sie steht aber nicht nur Ärzten, sondern auch Studenten offen.
Bücher zum Thema:
– Der Arzt, sein Patient und die Krankheit.
– Arzt – Kind – Eltern. Erfahrungen von Kinderärzten in einer Balint-Gruppe
– Theorie und Praxis von Balint-Gruppen
– Die Leitung von Balint-Gruppen
Christa Becker | Dienstag, den 21. Juni 2005
Veröffentlicht in Biographien, Soziales
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am 17. Mai 2006 um 9:10 Uhr.
Sehr geehrte Frau Becker,
Ihr Artikel über Balint gefällt mir. Sie haben kurz und prägnant das Wesentliche dargestellt.
Es grüßt Sie
Dr.Torsten Schmidt-Branden, Berlin
am 17. Mai 2006 um 12:11 Uhr.
Guten Tag Herr Dr. Schmidt-Branden,
für Ihre positive Bewertung meines Artikels über Michael Balint möchte ich mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Ich habe mich sehr darüber gefreut! Die Arbeit in Balint-Gruppen halte ich persönlich für wichtig, leider ist sie noch zu wenig bekannt. Mit meinem Artikel möchte ich gerne dazu beitragen, das ein wenig zu ändern. Dieses Anliegen haben wir sicher gemeinsam, wie ich nach einem Besuch auf Ihrer sehr schönen und einladenden Homepage feststellen konnte.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und grüsse Sie freundlich
Christa Becker