Mit Multipler Sklerose leben
Christa Becker | Dienstag, den 14. Juni 2005
Die Diagnose „Multiple Sklerose“ ist für jeden Patienten zunächst ein Schock. Vor dem inneren Auge sieht er sich bereits auf fremde Hilfe angewiesen im Rollstuhl sitzen. Hat er erst einmal mehr über die Erkrankung erfahren, kann er durchatmen: so ein schwerer Verlauf ist eher selten.
Seit etwa 10 Jahren gibt es außerdem wirksame Medikamente, welche die Krankheit zwar nicht heilen, ihr rasches Fortschreiten jedoch verhindern können. Es gibt viele an Encephalomyelitis disseminata (so bezeichnen es die Mediziner) Erkrankte, die schon seit vielen Jahren ein Leben mit wenigen Einschränkungen führen und denen eine Behinderung nicht anzumerken ist. Und da die Multiple Sklerose mit geschätzten 30-60 Erkrankten auf 100 000 Einwohner in Europa relativ häufig ist, wird die Forschung alles daran setzen, weitere Medikamente zu entwickeln, die den Verlauf günstig beeinflussen und vor allem die Ursache herauszufinden.
Die Multiple Sklerose (MS) birgt nämlich noch viele Rätsel. Wir wissen nicht, warum fast doppelt so viele Frauen als Männer betroffen sind und überwiegend Menschen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr erkranken. Auffällig ist auch, dass die MS in einigen Regionen sehr häufig vorkommt, in anderen dagegen keine Rolle spielt. Auch eine familiäre Belastung ist bekannt: besteht die Krankheit bei einem Mitglied der Familie, steigt für die anderen das Risiko, ebenfalls zu erkranken. Erforscht ist heute, dass die MS zu den Autoimmunerkrankungen gehört. Unser Immunsystem hat eigentlich die Aufgabe, unseren Körper vor fremden Erregern zu schützen. Durch einen unklaren Auslöser kann es dazu kommen, dass körpereigene Zellen von unseren Abwehrzellen (T-Zellen) angegriffen und vernichtet werden. Genau dies ist auch bei der MS der Fall: Aus unbekannter Ursache kommt es zu einer anhaltenden Entzündung von Gehirn und Rückenmark, durch welche die Hülle von Nervenfasern geschädigt wird. Diese Faserhüllen vernarben (sklerosieren) und sind dann nicht mehr in der Lage, Impulse weiterzuleiten, was abhängig vom Gebiet der Entzündung zu Störungen der Bewegung, des Empfindens oder des Sehens führt.
Meistens beginnt die Erkrankung mit einer Sehstörung, raschem Ermüden, einem Kribbeln oder Taubheitsgefühl in Arm oder Bein, manchmal führt auch eine ungewöhnliche Schwäche zum Aufsuchen von Arzt oder Therapeut. Der Beginn einer MS ist ebenso wenig einheitlich oder typisch wie der Verlauf. Die anfänglichen Beschwerden bilden sich oft vollständig zurück, in einzelnen Fällen bleiben abgeschwächte Störungen zurück bis zum erneuten Auftreten von Symptomen, dem sogenannten nächsten „Schub“. Auch Häufigkeit und Heftigkeit dieser Schübe variieren sehr stark. Nach einigen Jahren klagen viele MS-Kranke über Sprachstörungen, wenn das Kleinhirn betroffen ist. Sie sind nicht mehr in der Lage, fließend und rasch zu sprechen. Auch Lähmungen der Gesichts-, Arm- oder Beinmuskulatur bilden sich nicht immer ganz zurück, das Gehen ist oft nur noch mit Mühe und schleppenden, ungleichen Schritten möglich. Dazu kommen häufig Schwierigkeiten beim Wasserlassen und der Verlust der Kontrolle über die Harnblase. Auch Erkrankungen der Psyche werden häufig bei MS beobachtet: eine euphorische Stimmung mit völliger Verkennung der Realität kann ebenso auftreten wie eine ausgeprägte depressive Verstimmung oder rasche Stimmungswechsel.
Die Diagnose einer MS kann erst gestellt werden nach einer eingehenden körperlichen Untersuchung mit Messung der Nervenleitfähigkeit und Durchführung einer Kernspintomographie von Gehirn und Rückenmark. Die Auswirkungen der MS zeigen sich als helle Flecken, die als Läsionen bezeichnet werden. Zusätzlich sollte eine Liquoruntersuchung durchgeführt werden, bei der durch eine Punktion Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal entnommen und im Labor analysiert wird. Dieser Liquor weist im Falle einer MS-Erkrankung typische Veränderungen auf.
Die Behandlung eines akuten Schubes der MS wird meist mit einer hochdosierten Cortisondosis durchgeführt, die 3 bis 5 Tage lang als Infusion und anschließend 10 Tage als Tablette verabreicht wird. Danach setzt in den meisten Fällen eine Dauerbehandlung mit anderen Medikamenten ein, welche das Auftreten weiterer Schübe verhindern oder die Zeitspanne bis zum nächsten Schub verlängern soll. Es gibt verschiedene Substanzen, die auf das zu aktive Immunsystem einwirken können, zum Beispiel Beta-Interferon und Glatirameracetat. Beide Medikamente werden als Spritze verabreicht. Nach einer entsprechenden Schulung können sich die meisten MS-Kranken die nötige Technik aneignen, damit sie nicht jeden zweiten Tag den Arzt aufsuchen müssen. Andere Substanzen wie die sogenannten Immunsuppressiva sind überwiegend als Tabletten erhältlich und damit einfacher zu handhaben, allen Therapieformen gemeinsam sind leider die häufigen und belastenden Nebenwirkungen. Die Störung der Blasenentleerung und die psychische Begleiterkrankung können zusätzlich gezielt mit Medikamenten und psychotherapeutischer Begleitung behandelt werden.
Daneben gibt es verschiedene alternative Behandlungen, die den Nachteil haben, dass sie noch nicht genügend erforscht sind und nicht bei jedem Erkrankten Erfolg versprechen. Vielen MS-Kranken hilft auch eine Therapie beim Physiotherapeuten und Sprachtherapeuten, um die aufgetretenen Einschränkungen wieder loszuwerden oder zumindest abzuschwächen. Auch sportliche Aktivität und gesunde, bewusste Ernährung haben einen günstigen Einfluss auf die Erkrankung. Jede Form der Unterstützung, ob Selbsthilfegruppe, Information durch Internetforum oder Buch, Suche nach einem geeigneten Arzt oder Therapeuten, wird helfen, das anfängliche Gespenst eines Lebens im Rollstuhl zu vertreiben. Heute stehen die Chancen gut, dass es dazu nicht oder erst nach vielen Jahren kommen wird.
Bücher zum Thema:
– Diagnose MS
– Ernährungsrichtlinien bei Multipler Sklerose
– Bewegungstraining bei Multipler Sklerose
– Ich tanze solange ich kann
– Multiple Sklerose, FAQ
Links zum Thema:
– http://www.dmsg.de/index.php
– http://www.amsel.de/multiple-sklerose/