Viktor E. Frankl - mehr als ein Arzt und Therapeut
Christa Becker | Donnerstag, den 19. Mai 2005
Am 26. März 2005 wäre er 100 Jahre alt geworden, der Arzt, Autor und Psychotherapeut Viktor Emil Frankl. In Fachkreisen ist er weltweit anerkannt durch die Entwicklung einer neuen Form der Psychotherapie und sein bekanntestes Buch „...trotzdem Ja zum Leben sagen“ wurde in 32 Sprachen übersetzt. Das klingt nach einer sehr geradlinigen Karriere. Das Leben von Frankl sah anders aus.
In Wien wurde Viktor Emil Frankl am 26.03.1905 geboren und dort hat sich am 02.09.1997 sein Lebenskreis auch geschlossen. Schon im Alter von 15 Jahren zeigte sich sein Interesse an der Psychologie: er unterhielt einen Briefwechsel mit Sigmund Freud. Nach dem Studium der Medizin und Psychiatrie arbeitete er von 1933 bis 1942 an verschiedenen Spitälern und in der eigenen Praxis in Wien. Auf Freuds Anregung hin erschienen schon früh Publikationen von Frankl in Fachzeitschriften.
In den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte er seine Form der Psychotherapie, die er „Logotherapie und Existenzanalyse“ nannte. Sie wird heute auch als „Dritte Wiener Richtung der Psychotherapie“ bezeichnet, neben den Ansätzen von Sigmund Freud und Alfred Adler. Im Gegensatz zu diesen beiden Vätern der Psychotherapie formulierte Frankl etwas grundlegend Neues: die Freiheit des Willens, der Wille zum Sinn und der Sinn im Leben, waren seine Kernsätze. Er war überzeugt, dass jeder Mensch ein entscheidungsfähiges und seine Umwelt gestaltendes Wesen sei. Und für jeden Menschen sei die Suche nach dem Sinn eine Grundmotivation, nach der er sein Leben ausrichte. Nach Frankls Überzeugung hat jedes Leben einen Sinn, ob dies dem einzelnen bewusst ist oder nicht. In seiner Therapie war ihm wichtig, dem Patienten nicht Lösungen zu präsentieren, sondern Blockaden und Hemmungen aufzuspüren und der eigenen Kraft des Kranken zu vertrauen, den Weg zu bahnen für eine ganz individuelle Lösung seiner Krise. Frankl orientierte sich dabei an Sokrates, der es so formuliert hatte: „Sinn muss gefunden und kann nicht gegeben werden.“
Nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich konnte Frankl als jüdischer Mitbürger seine Arbeit nur noch sehr eingeschränkt fortsetzen, zuletzt in einer neurologischen Klinik mit ausschließlich jüdischen Patienten. 1942 wurde er mit seiner jungen Frau und den Eltern in das Ghetto Theresienstadt deportiert, von dort aus kam er 1944 in das Konzentrationslager Auschwitz. Er überlebte als einziger aus seiner Familie. Nach der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen im April 1945 ging er wieder in seine Heimatstadt Wien zurück. Er war stark unterernährt und mittellos, was er gerettet hatte, waren seine Aufzeichnungen über das Leben im KZ, die Grundlage für sein später bekanntestes Buch „...trotzdem Ja zum Leben sagen“. Es wurde allein in den USA über 10 Millionen Mal verkauft. Die Bücherei des amerikanischen Kongresses hält dieses Buch für „one of the ten most influential books in America“.
Frankl erzählt darin, wie er als Arzt und Psychologe die Zeit im Konzentrationslager erlebte und vor allem überlebte. Er beschreibt das Leben im Todeslager unsentimental, bewahrt sich trotzdem seine Überzeugung, dass der Mensch in jeder Situation Wahlmöglichkeiten hat. Dieses Buch berichtet über Folter und Entbehrung, aber auch davon, dass der Mensch selbst unter extrem schwierigen Umständen über sich hinauswachsen kann. Es ist eines der wenigen Bücher über den Holocaust, die nichts beschönigen und trotzdem Mut machen. Frankl findet es entscheidend, dass jeder Mensch Verantwortung für sich und alles, was er tut, übernimmt. Wer dem Menschen die Verantwortung nimmt, nehme ihm auch die Würde. Frankl ist es gelungen, sich seine Liebe zum Menschen zu bewahren, es findet sich keine Spur von Hass oder Zynismus in seinen Zeilen. Er beschreibt seine Haltung so: „Es kommt nicht darauf an, was wir vom Leben erwarten, sondern was das Leben von uns erwartet. Wir stellen nicht die Fragen an das Leben, sondern das Leben hat eine Frage an uns.“
Diese lebensbejahende Haltung hat Frankl geholfen, nach seiner Rückkehr nach Wien noch einmal beruflich ganz von vorne zu beginnen. Er erwarb noch ein zweites Doktorat im Fach Philosophie und leitete von 1946 bis 1971 die neurologische Poliklinik seiner österreichischen Vaterstadt. Gleichzeitig arbeitete er an mehreren Universitäten in den USA, in Kalifornien richtete man ihm einen Lehrstuhl über seine Logotherapie ein. An seinem Werdegang kann man es erkennen: Prof. Dr. Viktor Frankl hat nie völlig den Mut verloren, nie sich und den Glauben an einen Sinn aufgegeben. Zu einem sinnerfüllten Leben gehört nach Frankl ein festes Ziel und die Überwindung der Angst bei auftretenden Schwierigkeiten. Er hat es nicht nur in seinen Büchern beschrieben, er hat es auch unter schwierigsten Bedingungen und mit viel Mut und Liebe gelebt.
Bücher zum Thema:
– Trotzdem Ja zum Leben sagen
Christa Becker | Donnerstag, den 19. Mai 2005
Veröffentlicht in Biographien
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