Bruder vergiftet mit Bilsenkraut!
Christa Becker | Mittwoch, den 11. Mai 2005
...stünde die Schlagzeile in Großbuchstaben auf dem Titelblatt der Boulevard-Presse. Aber dieser Mord – wenn er denn je geschah – ist schon verjährt. Sie kennen Shakespeare und damit auch Hamlet, den Prinzen von Dänemark? Und erinnern sich bestimmt auch an die Textpassage, in der Hamlets Vater als Geist seinem entsetzten Sohn begegnet und ihm beschreibt, wie er ermordet wurde vom eigenen Bruder? Ein Mord aus Neid, um das Königreich und die Frau des Bruders für sich zu gewinnen!
„Laß kurz mich sein“, erzählt der Geist des Vaters dem Sohn Hamlet, „ich schlief in meinem Garten, wie ich’s gewohnt war jeden Nachmittag, da schlich in meine Sicherheit dein Onkel mit Saft verfluchten Schierlingskraut im Fläschchen und tropfte in die Pforten meiner Ohren tödlichen Absud… So wurde ich im Schlaf durch Bruders Hand geprellt um Leben, Krone, Königin…“ (Übersetzung von Erich Fried).
Was ist das für ein gefährliches Gift, das in der Originalausgabe „juice of cursed hebona“ und zum Werkzeug eines Brudermordes bei Shakespeare wurde? In einem zweiten Drama von Shakespeare, „Macbeth“, taucht das giftige Kraut wieder auf, dieses Mal als eine von vielen Zutaten im Zaubertopf der Hexen. Vielleicht ist die im deutschen Sprachraum Bilsenkraut genannte Pflanze ja nur eine Fiktion des berühmten Dichters, dachte ich. Jetzt habe ich herausgefunden: es existiert.
Botanisch gehört das gefährliche Bilsenkraut zu den Nachtschattengewächsen und ist heute nur noch selten auf den kargen Böden zu finden, welche Pflanze bevorzugt. Ihre Blütenfarbe wird mit schmutzig-gelb beschrieben und der Geruch der ganzen Pflanze als unangenehm. Das ist vielleicht auch gut so, denn nach der Blüte reifen in jeder eiförmigen Frucht etwa 200 Samenkörner heran, von denen 15 schon ausreichen, um ein Kind zu töten. Aber nicht nur die Samen, sondern alle Teile der Pflanze enthalten das gefürchtete Gift.
Bilsenkraut ist schon lange vor Shakespeare unter der Bezeichnung Schlaf- oder Tollkraut bekannt gewesen. Es kursieren schaurige Geschichten über Hexenprozesse im Mittelalter, bei denen die halluzinatorische Wirkung des Pflanzengiftes den vermeintlichen Hexen ein Geständnis entlocken sollte. Und den Zigeuner wurde nachgesagt, beim Diebstahl im Hühnerstall leichtes Spiel gehabt zu haben, weil sie mit dem Rauch von angezündeten Bilsenkraut die Hühner betäubten, so dass sie von der Stange fielen. Auch beim Fischfang wurde Bilsenkraut eingesetzt: die Fische wurden dadurch so verwirrt, dass sie leicht zu fangen waren. Aber das ist noch nicht alles.
Um den Rausch durch Biergenuss zu verstärken, wurde beim Brauen im Mittelalter Bilsenkraut zugegeben und später ausdrücklich im heute noch gültigen Reinheitsgesetz verboten, wohl auch wegen der unberechenbaren Wirkung des Krauts. Auch als Betäubungsmittel bei Operationen soll es gute Dienste geleistet haben. Wie viele Menschen bei der Einnahme von Bilsenkraut im Bier oder als Anästhetikum ihr Leben gelassen haben, ist nicht überliefert.
Und nicht nur den Kelten wird nachgesagt, bei ihrer Initiationsfeier Bilsenkraut eingesetzt zu haben. Die jungen Männer der Gemeinschaft zogen sich für einige Zeit zurück und legten Mutproben ab. Und die Schilderung legt den Schluss nahe, dass der unbändige Mut im Kampf, die Schmerzunempfindlichkeit und der Wahn, man habe sich in ein Tier verwandelt, durch den Gebrauch von Drogen zustande kam.
Auch dem ebenfalls in der Literatur oft erwähnten Rausch- und Schmerzmittel Laudanum wurde lange Jahre zusätzlich Bilsenkraut beigemischt. Als sich die Todesfälle nach der Einnahme dieses billigen und weit verbreiteten Medikaments häuften, wurde die Rezeptur verändert und nunmehr ohne Bilsenkraut hergestellt. Da Laudanum aber hauptsächlich in Alkohol gelöstes Opium enthielt, kann man aus heutiger Sicht nicht allein dem giftigen Bilsenkraut die Schuld an den zahlreichen Todesfällen geben.
In der Homöopathie werden heute noch alle Teile der Pflanze gegen Krämpfe, Schlaflosigkeit oder bei Erregungszuständen wie Halluzination, Hysterie oder Manie eingesetzt. Die Todesfälle seit Hamlets Vater warnen uns: der Umgang mit Bilsenkraut gehört in die Hände eines Arztes oder Apothekers. Aber mal wieder Shakespeare lesen, das kann ich uneingeschränkt empfehlen! Und dass Erich Fried außer einer exzellenten Übersetzung der Dramen des großen Dichters noch viel mehr zu bieten hat, lohnt sich zu entdecken.
Bücher zum Thema:
– Hamlet