Vital heute


Dietrich Grönemeyer: Arzt sein - „Mensch bleiben“
Christa Becker | Freitag, den 22. April 2005

Dietrich GrönemeyerDietrich Grönemeyer ist sehr präsent: Im Fernsehen, im Radio und wegen der zahlreichen Bücher, die er inzwischen geschrieben hat. Und er hat eine Vision, die er überzeugend vertritt.

In seinem neuesten Buch „Mensch bleiben“ erreicht er mit seiner These von der liebevollen Medizin viele Menschen, die zunehmend Zweifel an unserem aktuellen Gesundheitssystem haben.

Wer ist dieser Dietrich Grönemeyer? In seinem Buch beschreibt er seinen Werdegang: In seiner Familie haben medizinische und pflegerische Berufe schon lange Tradition. In der jetzt 6. Generation brachte sie viele Ärzte, Krankenschwestern, Krankengymnasten und Homöopathen hervor. Sein jüngerer Bruder, der bekannte Sänger Herbert Grönemeyer, sei eher die Ausnahme. Dietrich Grönemeyer studierte zunächst Sinologie und Romanistik. Er beschreibt sich selbst als ängstlicher Patient, der fürchterliche Angst vor Spritzen und anderen schmerzhaften Behandlungen hatte. Gerade dies wurde sein Antrieb, um sich der Medizin zuzuwenden, weil er die Hoffnung hatte, dass eine schmerzarme Behandlung möglich sein müsse.

Sein Weg als Arzt bleibt ungewöhnlich. Schon immer hatte er, sicher auch bedingt durch sein Sinologie-Studium, ein großes Interesse an der traditionellen chinesischen Medizin und bezog deren Therapieformen, wie z.B. die Akupunktur, in seine Behandlungen mit ein. Während seiner Arbeit als Landarzt gehörten viele Krebs- und Schmerzkranke zu seinem Patientenkreis. Durch die Gespräche mit ihnen und die Begleitung durch die Krankheit bis zum Tod setzte er sich intensiv mit Röntgendiagnostik, Schmerztherapie und Sterbebegleitung auseinander. Grönemeyer hält es für unumgänglich, dass jeder Arzt sich diesen Themen stellt, auch wenn er in seinem Studium hierbei keinerlei Unterstützung oder Information erwarten kann.

Danach setzte er seine berufliche Laufbahn in der Radiologischen Abteilung der Universität Kiel fort, die mit den modernsten Geräten ausgestattet war. Aus der Strahlendiagnostik wurde in dieser Zeit die Strahlentherapie entwickelt. Grönemeyers Interesse an der Forschung und dem Einsatz von Computern in der Medizin brachte ihn auf die Idee der Mikro-Therapie. Durch kleinste Geräte wie Sonde, Katheter oder Skalpell in Kombination mit der radiologischen Überwachung ließ sich eine vorher aufwändige Operation unter Narkose durch einen Eingriff mit lokaler Betäubung ersetzen. Verlagerte Bandscheiben können so geschrumpft, Tumore der Wirbelsäule thermisch (also mit Überwärmung) behandelt und damit reduziert, Narbengewebe entfernt, entzündungshemmende oder schmerzstillende Medikamente direkt in die betroffene Stelle eingebracht werden. Die körperliche und psychische Belastung für den Patienten ist dadurch sehr viel geringer. Seit einigen Jahren nimmt Grönemeyer nun den ersten Lehrstuhl für Mikro-Therapie ein. Nach anfänglich skeptischer Aufnahme in großen Kreisen der Ärzteschaft hat sich diese Methode nun etabliert, Grönemeyer wird als „Vater der Mikro-Therapie“ anerkannt.

Aber das war noch nicht genug für Dietrich Grönemeyer. In seinem Buch erzählt er von seiner Vision, dass gerade die von ihm praktizierte und für den Menschen so hilfreiche High-Tech-Medizin durchaus nicht kalt sein muss, sondern liebevoll geschehen kann. Eine solche Meinung ausgerechnet von einem Radiologen kann man nur als völlig ungewöhnlich bezeichnen. Nicht zu Unrecht gehört diese Berufsgruppe zur Einkommensspitze unter den Ärzten und gleichzeitig zu denen, die den Patienten gar nicht als Menschen wahrnahmen: „Ausziehen. Hinlegen. Aufstehen. Ihr Arzt bekommt einen Bericht. Auf Wiedersehen!“ Mit diesem Vokabular kamen viele Radiologen nach ihrer Meinung gut zurecht. Grönemeyer vertritt dagegen den Anspruch, dass ein Mensch immer – auch und gerade als Patient – als Ganzes zu sehen ist. Immer gehöre ein vertrauensvolles Gespräch, eine gründliche Untersuchung und eine möglichst schmerzarme, einfühlsame und individuelle Behandlung dazu. Wer als Arzt keinen Respekt vor dem Leben und vor der Würde des Menschen habe, sei im falschen Beruf! Arzt und Patient verbinde eine gemeinsame Erfahrung, nämlich dass zum Leben auch Krankheit und Heilung gehören. Mensch sein und bleiben sei eine Herausforderung für jeden.

In den folgenden Kapiteln seines Buches beschäftigt sich Grönemeyer mit dem aktuellen Gesundheitssystem in der BRD, das den Namen eigentlich nicht verdient habe. Ein medizinisches Gesamtkonzept wie in China, das den ganzen Menschen mit Körper, Geist, Seele und sozialem Umfeld einschließt, finde sich in unserer Kultur nicht. Dort werde der Mensch als Einheit und gleichzeitig als Teil der Natur verstanden. Und Ärzte wurden früher dafür bezahlt, dass sie ihre Patienten gesund erhielten, nicht um Krankheit zu heilen!

Die Medizin in der westlichen Welt habe sich ganz anders entwickelt. Das Niveau der medizinischen Diagnostik und Therapie sei hoch, der Mensch aber auf der Strecke geblieben. Das gelte sowohl für Patienten als auch für Ärzte. Unser System begünstige den Arzt als Technokraten, der Maschinen bedient und auch so funktioniert. Die Arbeitsmenge in Praxis und Klinik sei so groß, dass schon ein intensives Gespräch aus Zeitdruck häufig unterbleibe. Unbefriedigend sei das für alle Beteiligten, nicht nur für den Patienten. Aber wenn ein Arzt sich Zeit zum Zuhören, zum Reden nehme, müsse er mit Sicherheit weniger Medikamente verschreiben und habe zufriedene Patienten. Unser Gesundheitssystem fördere die Behandlung einer gestörten Teilfunktion, was gar nicht zu einer raschen Heilung führen könne, solange der Mensch nicht insgesamt wahrgenommen werde. Und eine verzögerte Heilung führe zu höheren Ausgaben durch mehr Medikamente und Therapien, längere Krankenhausaufenthalte, Rückfälle und nicht zuletzt längere Arbeitsunfähigkeitszeiten. Die anfangs im Arzt-Patient-Gespräch „gesparte“ Zeit und das schnell verordnete Medikament entpuppen sich als Bumerang. Durch eine anfangs teurere und intensivere Behandlung könnten längere Krankheitszeiten oder sogar eine Frühberentung vermieden werden, was dann letztlich ein Vielfaches an Geld einspart. Ein Umdenken stehe an, vertritt Grönemeyer vehement und völlig zu Recht. Er ist der Überzeugung, dass mit diesem neuen Konzept der von ihm so genannten „liebevollen Medizin“ das im Gesundheitssystem vorhandene Geld ausreichen wird und nicht an alten Patienten oder neuen Technologien gespart werden muss.

Teil dieses neuen Konzeptes sei die Stärkung des Hausarztes als „Arzt des Vertrauens“. Wer die ganze Familie und Lebenssituation eines Patienten kenne, habe sicher einen Vorteil vor einem Fachkollegen, der sich in aller Kürze ein Bild vom Patienten machen muss. Gerade der Hausarzt als Koordinator sei am besten in der Lage, den Patienten als ganzen Menschen wahrzunehmen. Und wenn sich die Schulmedizin auch alternativen Heilmethoden öffnen und die angehenden Ärzte auch in Sozialmedizin und Gesprächsführung ausbilden würde, sei man diesem Ziel schon etwas näher.

Und dabei sei noch nicht berücksichtigt, dass die von allen angestrebte Gesundheit ein riesiger Wirtschaftsbereich sei. Grönemeyer erwähnt die wachsenden Märkte von Wellness, Fitness und Nahrungsergänzungsprodukten. Die Menschen seien bereit, viel Geld für ihr Wohlbefinden und den Erhalt ihrer Gesundheit auszugeben. Fundierte Informationen dazu gehörten auch zu den Aufgaben der „Krankenversicherung“, weil die Vermeidung von Krankheiten deren eigentliche Aufgabe sein müsste. Daraus folge auch, dass eine Gesundheitserziehung für Kinder etabliert werden müsse. Jedes Kind müsse wissen, was z.B. nach dem Genuss eines Big Mac in seinem Körper vor sich gehe. Die Ursache der zunehmenden Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Übergewicht sei bekannt, der Einfluss der Industrie aber so groß, dass eine ehrliche Aufklärung über den angeblich gesunden, vitaminreichen Schokoriegel oder Milchdrink nicht erfolge. Die Etablierung von Sport mit Freude an der Bewegung und möglichst ohne Noten gehöre dazu.

Aber auch die Berufstätigen verdienen nach Grönemeyers Ansicht mehr Beachtung: Wenn in großen Firmen neben dem Sicherheitsbeauftragten auch ein Gesundheitsbeauftragter tätig wäre, könne man die Krankheitszeiten verkürzen und die Gesundheit länger erhalten. Gerade die Unzufriedenheit in Arbeitsprozessen bedinge viele vermeidbare Krankheiten. Dass Stress und Angst um den Arbeitsplatz krank machen, sei jedem bekannt. Das müsse ein weiterer Ansatz sein, meint Grönemeyer.

Das Buch „Mensch bleiben“ hat mich beeindruckt, Dietrich Grönemeyer auch. Er hat viel Einblick in den Medizinbetrieb und noch nicht aufgehört, sich über Verbesserungen Gedanken zu machen und Missstände anzusprechen. Dass er sich damit auch Feinde unter seinen Kollegen macht, war ihm sicher bewusst. Dabei denke ich, dass so mancher Mediziner es begrüßen würde, wenn er nicht mehr im 10-Minuten-Takt seine Sprechstunde abhalten müsste. Davon profitiert ja nicht nur der Patient…

Meine einzige Kritik an Grönemeyers Buch „Mensch bleiben“ ist, dass er zu viele verschiedene Themen anspricht. Eine durchgängige Struktur konnte ich nicht erkennen. Das macht das Lesen etwas schwierig. Die Beschränkung auf ein Hauptthema, also entweder die Vision eines neues Gesundheitskonzept oder die eigene Erfindung der Mikro-Therapie, hätte dem Buch gut getan. Trotzdem finde ich, dass hier ein wichtiges Buch geschrieben wurde. Viele Patienten werden erleichtert sagen: „Endlich ein Arzt, der meine Interessen wahr nimmt.“ Eigentlich traurig, nicht wahr? Oder höchste Zeit! Und deshalb habe ich Respekt vor Dietrich Grönemeyer.

Bücher zum Thema:
Mensch bleiben
Med. in Deutschland