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T. C. Boyle - der Exot unter den Autoren
Christa Becker | Montag, den 14. März 2005

T. C. BoyleEin Paradiesvogel, das ist der Schriftsteller T. C. Boyle. Zumindest kultiviert er bei Auftritten im Fernsehen oder auf Lesereisen gerne das Image eines extrovertierten Sonderlings. Dies war sicher auch der Grund, warum er seine Vornamen Thomas John in Tom Coraghessan abänderte.

Privat ist der 56-jährige amerikanische Autor eher ruhig und gelassen. Seit 30 Jahren ist er mit seiner Frau verheiratet und hat mit ihr 3 Kinder. Die Familie lebt im kalifornischen Santa Barbara. Sein beruflicher Werdegang begann mit Schwierigkeiten: als Schüler hatte er viele Probleme, was sicher nicht an seiner Intelligenz, sondern eher an einer Unterforderung lag, da er später seinen Doktortitel mit summa cum laude erwarb.

Boyle arbeitete nach seiner Ausbildung zunächst an Schulen und dann als Redakteur. Zusätzlich gab er Workshops für kreatives Schreiben. Seine ersten Veröffentlichungen waren Kurzgeschichten, inzwischen hat er schon 17 Bücher publiziert. Neben seiner Arbeit als Autor unterrichtet er weiterhin an der University of Southern California. Boyle bemerkt augenzwinkernd, dass er pro Jahr ungefähr einen Roman schreibe, was seinem Verlag einfach zu viel sei… Aber zu unserem Glück merkt man seinen Büchern immer die Lust am Schreiben an, von Ermüdung oder Wiederholung keine Spur.

Seine Bücher erzählen von Tier- und Umweltschützern, von den Problemen illegaler, mexikanischer Einwanderer und von den Ureinwohnern Amerikas, den Indianerstämmen. Aber auch Themen wie das Streben nach Heilung und Wellness finden sein Interesse. Seine Neugierde auf die tiefsten Beweggründen des Menschen ist unerschöpflich, Tabus sind ihm fremd.

In seinem Buch „Willkommen in Wellville“ beschreibt er das Sanatorium des Dr. Kellogg im Amerika des Jahres 1907. Es hat ihn wirklich gegeben, diesen Dr. Kellogg, nach dem die bekannten Frühstücksflocken benannt sind. Interessant ist auch, dass zeitgleich in der Schweiz der Arzt Bircher-Benner sein berühmtes Bircher-Müesli kreierte (siehe Artikel Maximilian Bircher-Benner). Aber zurück zum Buch: Die Protagonisten, der Patient Will Lightbody und seine Frau schrecken auf ihrer Suche nach Gesundheit und ewiger Jugend nicht vor dem Verzicht auf Alkohol, Tabak und Fleisch zurück, durchleiden bereitwillig abstruse Bewegungstherapien, Bäder und Lachübungen, um ihrem Ziel näher zu kommen. Boyle ist fasziniert davon, wie viel ein Mensch freiwillig auf sich nimmt in der Hoffnung, dadurch länger und gesünder zu leben.

Vor kurzem ist nun auch in deutscher Sprache Boyles neuer Roman „Dr. Sex“ erschienen, ein Buch über den Zoologen und Forscher Alfred Kinsey, der vor über 60 Jahren das puritanische Amerika mit seinen Studien über die Sexualität in Aufruhr versetzte. Die Biographie wird aus der Sicht eines Assistenten von Kinsey namens John Milk erzählt, der am Todestag des Forschers mit seinem Bericht beginnt. Und zeitgleich kommt „Dr. Sex“ in die Kinos, ein Film über das Leben von Professor Kinsey. Der bekannte Schauspieler Liam Neeson hat die Rolle des Forschers im Film übernommen.

Boyle hält die Arbeit von Kinsey derzeit wieder für sehr aktuell. Präsident Bush konnte nicht zuletzt mit seiner Haltung gegen Abtreibung und Homosexualität die konservativen Wähler zum zweiten Mal für sich gewinnen, ist Boyle überzeugt. Kinsey wandte sich schon vor über einem halben Jahrhundert dagegen, die verschiedenen Spielarten der Sexualität moralisch zu bewerten.

Wer auch bei ernsthaften Themen auf Humor nicht verzichten will, wird an den Büchern von T. C. Boyle Gefallen finden. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, kann den Autor bei seiner Lesereise durch Deutschland und die Schweiz im Mai 2005 live erleben.

Bücher zum Thema:
Dr. Sex
Willkommen in Wellville