Lindenblüten - Duft- und Heilpflanze
Christa Becker | Donnerstag, den 10. März 2005
Sie seien die Lieblingsbäume der Deutschen, sagt man von der Linde. Gar nicht so schlecht gewählt, finde ich. Deshalb ist wohl der Baum auch so häufig zu finden. Und die Linde hat viele gute Eigenschaften.
Wer sich einmal zur Blütezeit unter einer Linde aufgehalten hat, weiß es ganz bestimmt: dieser süße Duft ist unwiderstehlich! Übrigens finden das auch die Bienen, die einen wundervollen Honig aus dem Nektar der Lindenblüten produzieren. Schon seit Jahrhunderten ist die Heilkraft der Lindenblüten bekannt. Als Tee genossen bringen sie zum Schwitzen, erhöhen die Körpertemperatur und töten damit wärmeempfindliche Viren ab. Ein ideales Mittel also bei Atemwegsinfekten. Und weil Lindenblütentee so gut schmeckt wie die Blüte duftet, verbinden sich Heilung und Genuss miteinander. Linde und Linderung haben nicht zufällig den selben Wortstamm.
Die Linde galt schon immer als heiliger Baum und gehört mit der Eiche zu den Bäumen, die sehr alt werden können. So wird von einigen Lindenbäumen berichtet, die 1 000 Jahre alt sein sollen. Bis zu 40 Meter hoch wachsen sie und entwickeln einen mächtigen Stamm von 4 bis 5 Metern Durchmesser. Vielleicht auch deshalb ranken sich viele Mythen und Legenden darum.
Eine alte griechische Sage erzählt von dem glücklich verheirateten Paar Philemon und Baucis. Unerkannt besuchten die Götter Zeus und Hermes die Menschen, wurden aber überall abgewiesen. Zuletzt klopften sie auch bei Philemon und Baucis an die Tür. Trotz der eigenen Armut empfing das alte Ehepaar die Fremden freundlich und bewirteten sie mit allem, was das Haus zu bieten hatte. Erst als der Wein im Krug nicht zur Neige gehen wollte, merkten Philemon und Baucis, dass sie ungewöhnlichen Besuch hatten. Sie erschraken sehr, aber die Götter wollten ihnen nichts Böses. Aus Dankbarkeit für die Gastfreundschaft gewährten sie dem Paar einen Wunsch. Dieses überlegte nicht lange: gemeinsam wollten sie als Priester den Tempel der Götter hüten und zum gleichen Zeitpunkt sterben. Die Götter fügten es. Nach dem Tod verwandelte sich Philemon in eine Eiche und Baucis in eine Linde. So waren sie sich auch nach dem Tod noch nahe: die beiden Bäume umfingen sich mit ihren Ästen.
Die Germanen ordneten die Linde der schönen und mutigen Göttin Freya, der Beschützerin der Liebe und des Lebens, zu und sahen in den herzförmigen Blätter und dem süßen Duft weibliche Attribute. Noch wichtiger war ihnen der Baum aber noch zu einem anderen Zweck: Der Thingplatz befand sich immer unter einer Linde. Dort wurden die Gerichtsverhandlungen abgehalten. Der Linde schrieb man zu, dass sie der Wahrheitsfindung und einem gerechten Urteil dienlich sei. Und ihr Duft sollte außer einem gerechten auch ein mildes Urteil bewirken. Falls dieses nicht gefällt wurde, wurde die Strafe auch gleich am Baum vollstreckt.
Nach der Christianisierung wurde aus manchem Gerichtsbaum eine sogenannte Marienlinde, womit der Baum weiterhin ein Symbol für die Liebe und das Leben blieb. Durch diese „Umnutzung“ entging so manche Linde der Axt. Noch heute gibt es viele Wallfahrtsorte in Deutschland, Österreich und Polen, wo ein Marienbild am Stamm einer Linde befestigt wurde. Der Anlass dafür war häufig, dass jemand die Muttergottes in der Krone des Lindenbaums gesehen haben wollte.
Schon seit Jahrhunderten galt die Linde in vielen europäischen Ländern als Dorfzentrum und damit auch als Treffpunkt der jungen Leute. Oft wurde unter dem Baum oder in seiner ausladenden Krone aus Holzplanken ein Tanzboden errichtet. Die Linde wird in vielen Volksliedern („Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…“) besungen und verliebte Paare versuchten ihren Gefühlen Dauer zu verleihen („... ich schnitt in seine Rinde so manches liebe Wort…“). Bekannte Holzbildhauer wie Riemenschneider und Grünewald schätzten das Lindenholz sehr. Noch heute kann man viele Altarbilder und Heiligenfiguren bewundern, die aus dem weichen, feingemaserten Holz geschnitzt wurden. Und in Osteuropa gewinnt man noch heute Bast für das Flechten von Körben und Matten und anstelle einer Schnur zum Binden von Paketen. Der Name der Linde stammt von „lind“ und bedeutet „biegsam“.
Aber eine Tasse Lindenblütentee zu trinken, ein Löffelchen Lindenblütenhonig auf ein knuspriges Brötchen zu geben oder von Juni bis August unter einer Linde den Blütenduft zu genießen, scheint mir immer noch die beste Nutzung zu sein.
Bücher zum Thema:
– Die schönsten Kräutertees